Politik : Nordirland: "Keiner kann gewinnen, wenn der Nachbar verliert"

Martin Alioth

Die letzte Reise von US-Präsident Clinton ist durch eine bestechende Mischung aus Nostalgie, Symbolik und knallharter Sachlichkeit gekennzeichnet. In seinem letzten Amtsmonat ist der Präsident gewissermaßen unter seinesgleichen, Irland vertraut ihm und ist dankbar für die politische Unterstützung der letzten acht Jahre. Sein Einfluss scheint ungebrochen. Gestern begab sich der Präsident in den Bärengraben: Er besuchte Stormont, den Sitz des nordirischen Parlaments außerhalb von Belfast, um die Hauptakteure des nordirischen Friedensprozesses ins Gebet zu nehmen.

Die konstruktiven Kräfte, also jene Parteien, die unter dem Joch einer ungewöhnlichen Koalitionsregierung zusammengespannt sind, sollen ihren Streit begraben, lautet Clintons Botschaft. Und in kluger Anspielung auf das weitverbreitete Konzept des politischen Nullsummenspiels mahnt der Präsident, man könne nicht gewinnen, wenn der Nachbar dadurch verliere.

In der prunkvollen Vorhalle des nordirischen Parlaments umringten Befürworter und Gegner des Friedensprozesses den amerikanischen Gast, der seinerseits aufmerksam zuhörte. Ehemalige Bombenleger und Heckenschützen vertrauen nun der Überzeugungskraft des Wortes, während jene protestantischen Politiker, die seit dreißig Jahren grundsätzlich gegen jegliche Veränderung protestieren, diesmal auf einen Eklat verzichteten.

Ein zynischer Beobachter kommentierte mit leichtem Bedauern, die nordirischen Politiker hätten offenbar Anstand gelernt. Ebenfalls mit von der Partie waren der britische Premierminister Tony Blair und der Vorsitzende der Friedensgespräche, Ex-Senator George Mitchell, der seine Talente inzwischen im Nahen Osten entfaltet.

Die Szene allein wäre noch vor fünf Jahren utopisch erschienen - und genau das war die eigentliche Botschaft des dritten Irlandbesuchs von US-Präsident Clinton: Er wollte unterstreichen, wie unwiderruflich die Transformation Nordirlands schon geworden ist.

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