Nordirland-Konflikt : Bloody Sunday und kein Ende

Vor mehr als 40 Jahren erschossen britische Soldaten 14 nordirische Demonstranten. Bis heute hoffen die Opferfamilien, dass die Todesschüsse gesühnt werden. Doch die Schützen sind bisher nicht belangt worden.

Kübra Özermis
2010 feierte John Kelly noch den Bericht der Untersuchungskommission, doch der blieb ohne Folgen für die Todesschützen
2010 feierte John Kelly noch den Bericht der Untersuchungskommission, doch der blieb ohne Folgen für die TodesschützenFoto: picture alliance,dpa/Paul Faith

„Für unsere Leute gibt es keine Gerechtigkeit“, sagt John Kelly und lässt nur erahnen, wie anstrengend es sein muss, sich so lange dafür zu engagieren. Am 30. Januar 1972 wurde sein Bruder Michael von britischen Soldaten bei einer Demonstration im nordirischen Derry erschossen. An einem Sonntag, der als Bloody Sunday in die Geschichte einging – und der dazu führte, dass der Nordirlandkonflikt eskalierte.

Die Soldaten wurden nicht bestraft

Michael Kelly war erst 17 Jahre alt. Mit ihm starben an diesem Tag 13 weitere Demonstranten. Und obwohl sich 2010 sogar der britische Premierminister David Cameron in aller Öffentlichkeit für das Geschehen entschuldigt hat, sind jene, die damals in die Menge schossen, noch immer auf freiem Fuß. „Die Soldaten werden regelrecht beschützt“, sagt John Kelly, 66, der noch vor Kurzem Hoffnung hatte, es könne bald anders sein.

Denn nach zwei Tribunalen, die von den Familien der Opfer hoffnungsvoll erwartet wurden und von denen das zweite immerhin klärte, dass die Erschossenen unbewaffnet waren, hatte die nordirische Polizei Anfang des vergangenen Jahres beschlossen, eine strafrechtliche Verfolgung einzuleiten. Im Januar 2014 beginnen die Polizeibeamten, Zeugen aus dem Vereinigten Königreich zu befragen. Am 5. Oktober 2014 sollen die ersten Soldaten endlich zu den Morden befragt werden, doch nur zwei Tage vorher streicht die britische Regierung die Gelder für die strafrechtliche Verfolgung und versetzt ausgerechnet die Polizeibeamten, die die Soldaten hätten befragen sollen.

Die Anwälte der Opferfamilien haben längst einen Antrag auf juristische Überprüfung eingereicht, ob dies rechtmäßig ist. Bis zum 30. Januar 2015 wird eine Entscheidung erwartet, ob und wie die strafrechtliche Verfolgung weitergehen wird. Mittlerweile wurde der Fall an eine Sonderkommission der nordirischen Polizei weitergeleitet, die sich mit einer Vielzahl von ungeklärten Mordfällen während der „Troubles“ befasst. Ob diese die Ermittlungen ersetzt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Jahrzehntelange Opferverleugnung

Vor 43 Jahren schießen britische Fallschirmjäger während einer Demonstration für Bürgerrechte auf unbewaffnete – und fliehende – Demonstranten. 14 Menschen werden tödlich getroffen, weitere 13 werden verletzt. Jahrelang behaupten Soldaten, ihre Vorgesetzten und die britische Regierung, man habe auf Terroristen geschossen; die Opfer seien selbst schuld an ihrem Tod. Die Morde blieben ohne Konsequenzen, die Soldaten frei und das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen kaum wahrgenommen. Ein erstes Tribunal wenige Wochen nach den Vorfällen bestätigt die Version der Soldaten und ebnet den Weg für eine jahrzehntelange Opferverleumdung.

IRA-Opfer sind anerkannt

In der britischen Öffentlichkeit und in den Medien bleiben zwar die Getöteten und Verletzten durch Anschläge der paramilitärischen irischen IRA Opfer. Doch diejenigen Zivilisten, die von der britischen Armee ermordet wurden, erhielten diesen Status nicht automatisch. Wobei es völlig gleichgültig ist, ob sie bewaffnet waren, vielleicht mit dem Rücken zu den Soldaten standen oder gar schon verletzt auf dem Boden lagen. Denn wenn der Abzug von einem Soldaten getätigt wird, muss erst die Unschuld des Getöteten nachgewiesen werden.

Eine Aufgabe, mit der sich John Kelly und die zahlreichen weiteren Angehörigen der Bloody-Sunday-Opfer konfrontiert sahen. Seit Anfang der 90er Jahre engagieren sie sich dafür, dass endlich auch über den Tod ihrer Familienmitglieder gerecht geurteilt wird. Sie fordern ein zweites Tribunal, das 2010 feststellt, dass keiner der 14 Männer und Jungen, die an jenem Sonntag ermordet wurden, seinen eigenen Tod herbeigeführt oder provoziert hat. Doch selbst nach dieser Feststellung bleiben die Soldaten ungestraft – und die britische Presse berichtet fast panisch darüber, dass womöglich die Soldaten mit Konsequenzen rechnen müssen. John Kelly hingegen sieht das natürlicherweise anders: „Bereits am Anfang war es unser Ziel, dass die Soldaten für die Morde strafrechtlich verfolgt werden. Nur so kann die Gerechtigkeit wiederhergestellt werden.“

Zweierlei Maß

John Kelly ist überzeugt, dass hinter dieser Entscheidung, die aktuelle Strafverfolgung einzustellen, eine politische Motivation steckt. Der nordirische Polizeipräsident George Hamilton hingegen behauptet, man müsse den Fokus der Polizeiarbeit auf die Gegenwart richten. Dass aber derzeit eifrig im Mordfall von Jean McConville ermittelt wird, die nur wenige Monate nach Bloody Sunday von der IRA erschossen wurde, und sogar hochrangige Republikaner wie Sinn-Fein-Chef Gerry Adams sich dem Verhör nicht entziehen können, wird dabei ausgeblendet.

Bloody Sunday und der Mordfall an Jean McConville werden selten in einem Zusammenhang erwähnt, weil sie scheinbar nicht zu vergleichen sind. Dabei geht es in beiden Fällen um den Mord an Zivilisten und dessen Aufarbeitung. Doch wie schon in den Jahrzehnten zuvor herrscht beklemmendes Schweigen immer dann, wenn die Verantwortlichen für das Massaker in Derry mit den Konsequenzen konfrontiert werden sollen. Vielleicht auch deswegen, weil sich dann die britischen Medien, Politiker und das gesamte britische Militär mit ihrem Umgang mit den Opfern auseinandersetzen müssten.

Für John Kelly und die anderen Hinterbliebenen bleibt zunächst nur: abwarten. Und wieder: hoffen. Darauf, dass spätestens die juristische Überprüfung die Wende und ihnen schließlich die Gerechtigkeit bringen wird, auf die sie schon so lange warten. John Kelly versucht, zuversichtlich zu bleiben. „Noch nie wurde eine Morduntersuchung aus finanziellen Gründen eingestellt.“

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