Politik : Nordirland: Trügerische Ruhe in Belfast

Martin Alioth

Britische Truppen und bewaffnete Polizeibeamte überfluteten die Shankill Road im Westteil von Belfast nachdem der angebliche Drahtzieher und Rädelsführer der jüngsten Unruhen, Johnny Adair, Dienstagabend handstreichartig verhaftet worden war. Der britische Nordirlandminister Peter Mandelson hatte Adairs bedingte Haftentlassung rückgängig gemacht, weil der ehemalige Kommandeur des protestantischen Untergrundkommandos "Ulster Freedom Fighters" (UFF) die mit der Entlassung verknüpften Bedingungen gebrochen habe.

Adair befand sich schon im Helikopter auf dem Weg in die Strafanstalt Maghaberry, wo er wie ein normaler Krimineller den Rest seiner 16jährigen Haftstrafe verbüßen wird, als seine erbosten Anhänger sich um sein inzwischen verwaistes Wohnhaus scharten. Doch die massierten Sicherheitskräfte sorgten für Disziplin, die Stimmung an der Shankill Road blieb gespannt, aber ruhig.

Mandelson hatte sich zuvor ausführlich mit dem Oberkommandierenden der britischen Armee in Nordirland und mit dem stellvertretenden Polizeichef beraten. Er musste entscheiden, ob mit der Entfernung Adairs die blutige Fehde zwischen den großen protestantischen Untergrundverbänden eskalieren würde, oder ob endlich Ruhe einkehren könnte. Nach Adairs Verhaftung waren sich die politischen Sprecher der beiden verfeindeten Banden für einmal einig: Sie prophezeihten, dass das UFF-Kommando des kleinwüchsigen, muskelbepackten und reichlich tätowierte Adair sich wohl noch für den Doppelmord der "Ulster Volunteer Force" (UVF) am Montag rächen werde, bevor ein Vermittlungsversuch erwogen werden könne.

Der eitle 36jährige war schon im letzten September entlassen worden und hatte seither rücksichtslos seinen alten Machtbereich wiederaufgebaut. Nach außen hin zollte er dem Friedensprozess Lippenbekenntnisse, tatsächlich aber versuchte er, zur Schaltstelle der militanten Friedensgegner zu werden. Dazu war ihm jedes Mittel recht. Adair unterstützte die Proteste des Oranier-Ordens Anfang Juli tatkräftig und organisierte systematische Überfälle auf katholische Strassenzüge in Belfast. Jetzt wird er die nächsten zwei bis fünf Jahre hinter Gittern verbringen.

Adairs wollte zum charismatischen Idol der protestantischen Kommandos zu werden. Wie sein Vorbild Billy Wright, ein Massenmörder, der im Raume Portadown eine eigene paramilitärische Splittergruppe aufgebaut hatte. Diese "Loyalist Volunteer Force" hat sich inzwischen mit Adairs UFF verbündet. Wright selbst wurde schon Ende 1997 mitten im Hochsicherheitsgefängnis Maze von republikanischen Häftlingen ermordet.

Es bleibt abzuwarten, ob Adair im Gefängnis zum Märtyrer wird, aber eine derartige Verklärung scheint zurzeit zweifelhaft. Die Frage ist vielmehr, ob die geschwächten politischen Sprecher der UFF ihren mäßigenden Einfluss auf die Organisation wiederherstellen können. Parteichef Gary McMichael, seinerseits Sohn eines ermordeten Paramilitärs, schwamm zwar in den letzten Tagen mutig gegen den gewalttätigen Strom, wurde aber nicht erhört.

Die Inhaftierung Adairs wurde von anderen nordirischen Politikern gelobt. Ken Maginnis, Unterhausabgeordneter der größten Protestantenpartei Nordirlands, forderte weitere Verhaftungen von vorzeitig entlassenen Häftlingen und ein drastisches Vorgehen gegen Bandenkriminalität, Schutzgelderpressungen und Drogenhandel. Minister Mandelson schloss zwar weitere Rückführungen von Häftlingen nicht aus, schien aber keine konkreten Pläne dieser Art zu haben. Doch Mandelson hat nun einen politischen Präzedenzfall geschaffen: Zum ersten Mal wurde eine vorzeitige Haftentlassung, die unter das Karfreitagsabkommen fiel, rückgängig gemacht.

Adair hatte allerdings nicht allein gehandelt. Die Grundsatzentscheidung des britischen Ministers wird künftig die Richtschnur bilden, wenn paramilitärische Verbände gewalttätig werden. Bisher hatte die britische Regierung einmal gegenüber der IRA und einmal gegenüber der UFF einen Bruch des Waffenstillstandes festgestellt und Kontakte mit deren politischen Vertretern zeitweise eingefroren. Doch das war vor Abschluss des Karfreitagsabkommens. Inzwischen stellt die mit der IRA verschwägerte Sinn Féin-Partei zwei Minister im nordirischen Kabinett. Die politisch respektableren Gegner des Friedensprozesses werden künftig wie Falken darüber wachen, dass die Willkürjustiz der IRA mit derselben Strenge geahndet wird wie Adairs Maßlosigkeit.

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