Politik : Nordkorea: Auf den Balkonen tummeln sich Hühner und Kaninchen

Rupert Neudeck

Nordkoreaner sind sehr freundlich. Als wir in eine völlig überfüllte U-Bahn von Pjöngjang am Kim il Sung-Platz einsteigen, grüßen wir mit "Anong hapsai" und alle grüßen freundlich zurück. Wir fühlen uns in dem vollen Waggon angestarrt wie ein Weltwunder. Aber plötzlich sagt einer auf deutsch "Aus Deutschland!" Es gibt in diesem Land 5000 gut deutsch sprechende Koreaner, die für künftige deutsche Wirtschaftsinvestitionen gut passen würden. Wenn man jemanden in den Ministerien auf englisch anspricht, bekommt man oft als Gegenfrage: "Können Sie auch deutsch sprechen?"

Wir fahren zweieinhalb Stunden nach Süd Hwanghae und Haeju, die Küstenstadt in der Nähe der Grenze zu Südkorea. Dort hat Cap Anamur fünf Krankenhäuser so hergerichtet, dass man sie als Hospitäler wieder benutzen kann. In allen Krankenhäusern gibt es jetzt einen funktionierenden und gekachelten Operationssaal. Es gibt elektrische Heizöfchen, es gibt Operationsbesteck.

Wir gehen in das Waisenhaus, das auch von Cap Anamur mit Heizmaterialien und Nahrungsmitteln unterstützt wird. Wir fragen uns: Woher gibt es in einer traditionellen Familien-Gesellschaft so viele Waisenkinder? Die offizielle Erklärung kann nicht ausreichen. Es gibt nicht nur die hinterbliebenen Kinder von Eltern, die bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen. Es gibt sicher auch Kinder, die den Eltern weggenommen wurden, bevor diese in Arbeitslager zur Zwangsarbeit verschickt wurden.

Das Land scheint pleite. Pjöngjang ist eine hässliche Großstadt, in der alles Leben ab 20 Uhr erstirbt, ab 22 Uhr die U-Bahn nicht mehr fährt. Die Einnahmen aus dem Waffenhandel sprudeln nicht mehr so gut. Auch die zweite große Einnahmequelle geht nach unten: Die Geldüberweisungen der rund 600 000 Nordkoreaner in Japan.

Macht man morgens um fünf Uhr das Hotelfenster auf, erlebt man mitten in dem hässlichen Wohnblickviertel sein Hörwunder. Von allen winzigen Balkons ertönt ein polyphones Hühnergegacker. Dem Nordkoreaner, tüchtig wie sie sind, ist jetzt ein Huhn und ein Kaninchen als Privatbesitz erlaubt. Aber die Versorgungsengpässe können noch mal in eine große Hungersnot entgleiten. Auch in der Provinz fehlt es an allem. Die Bauern stehen mit bloßen Füßen in den überschwemmten Reisfeldern. Es gibt Traktoren, aber das Land hat keinen Sprit. Alles wird bisher in den Militärhaushalt gesteckt. Für den Winter haben die Japaner 500 000 Tonnen Reis zugesagt.

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