Politik : Nordkorea: Das Ende eines Ausflugs

Harald Maass

Seine Existenz war lange ein Geheimnis. Vor wenigen Jahren berichteten nordkoreanische Überläufer erstmals im Westen von Kim Jong Nam, dem ältesten Sohn des Diktators Kim Jong Il. Aus Angst vor Anschlägen war seine Geburt auch in Nordkorea als "Staatsgeheimnis" verschwiegen worden. Am Donnerstag wurde Kim Jong Nam beim Zoll in Tokio festgenommen, berichten Japans Medien. Mit falschen Papieren wollte er heimlich nach Japan einreisen.

Der Vorfall passt zu der rätselhaften Geschichte und Politik Nordkoreas, dem isoliertesten Staat der Erde. Zunächst war unklar, ob es sich bei dem Festgenommenen tatsächlich um den Kim-Sohn handelte. Die angeblich aus der Dominikanischen Republik stammenden Papiere waren gefälscht. Erst nach einem Verhör gab sich der jüngere Kim einem Zollbeamten zu erkennen

Über Kim Jong Nam ist nur wenig bekannt. Er wurde 1971 geboren, Vater Jong Il soll damals mit einem Hupkonzert durch Pjöngjang gefahren sein. Die Mutter ist die Schauspielerin Sung He Rim, die der Kinofan zur Scheidung gezwungen hatte und sich zur Geliebten nahm. Geheiratet hat Kim Jong Il drei andere Frauen. Darunter die Tochter eines hohen Militärs.

Kim Jong Il, der seit dem Tod seines Vaters 1994 das Land als Alleinherrscher regiert, verhätschelte seinen ältesten Sohn mit westlichen Spielsachen und Geschenken. Geheult haben soll der Vater, als der damals Neunjährige am Flughafen von Pjöngjang zum Schulaufenthalt nach Genf abflog. Daheim herrschte sein Vater allerdings bedingungslos und despotisch. Wenn dem "Genossen General", wie die Dienerschaft ihn nannte, etwas nicht passte, habe er geschrien und getobt, dass alle am Tisch den Kopf einzogen. Den Zorn Kim Jong Ils bekamen auch andere der Familie zu spüren. Lee Il Nam, ein jüngerer Verwandter aus dem Kim-Klan, der 1982 ins Ausland untergetaucht war, wurde im Februar 1997 von vermutlich nordkoreanischen Agenten in Südkorea ermordet. Seine Schwester, Lee Nam Ok, gelang 1992 die Flucht ins Ausland. In einem Interview 1997 beschrieb sie zum ersten Mal das exzentrisch-abgeschiedene Leben der Familie des Diktators. Kim Jong Il sei jedoch auch ein Vater "mit tiefer Liebe" für seinen Sohn gewesen, berichtet Lee, die unter falschen Namen versteckt vor den nordkoreanischen Agenten im Ausland lebt.

Was Kim Jong Nam in Japan wollte, weiß bisher niemand. Eine Flucht ist unwahrscheinlich, Beobachter sehen in dem 29-Jährigen einen möglichen Nachfolger für das Amt des Staatsführers. Nordkoreas Diplomaten und Regierungskader sind nachweislich in Drogen- und Waffengeschäfte sowie in Geldfälscherei verwickelt - der jüngere Kim mag also auch geschäftlich im Auftrag des Vaters unterwegs gewesen sein. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Kim Jong Nam nur zum Einkaufen nach Tokio wollte. Auf den wenigen Flügen, die jede Woche aus dem Hungerland Nordkorea starten, sind die meisten Plätze mit den Familien höherer Kader besetzt, die sich im Ausland mit Lusxusgütern eindecken.

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