Politik : Nordkorea: "Die Zeit ist gekommen"

maa/m.m.

Deutschland wird in Kürze erstmalig diplomatische Beziehungen zu Nordkorea aufnehmen. Einen genauen Zeitplan gebe es zwar noch nicht, sagte Bundesaußenminister Joschka Fischer in Tokio. "Prinzipiell ist die Entscheidung aber gefallen." Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Hans-Ulrich Klose, hingegen warnte vor allzu großer Eile und forderte ein gemeinsames Vorgehen der Europäischen Union.

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Nordkorea müsse "sorgfältig vorbereitet" und in der EU abgestimmt werden, sagte der SPD-Politiker in Peking vor der Abreise einer Gruppe deutscher Parlamentarier nach Nordkorea. In einer fünftägigen Reise wollen sich die Abgeordneten Klose, Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) und Andreas Schockenhoff (CDU) über die politische und wirtschaftliche Lage in dem abgeschotteten Land informieren.

Japan habe den Plan zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Nordkorea sehr begrüßt, sagte Fischer nach seinen Gesprächen mit seinem japanischen Kollegen Johey Kono und dem japanischen Ministerpräsidenten Yoshiro Mori. "Die Zeit für einen solchen Schritt ist gekommen." Fischer besuchte am Dienstag als erster deutscher Außenminister und einer der wenigen westlichen Politiker überhaupt die Stadt Hiroschima und ihr Atombombenmuseum. "Mein Gang durch das Museum war beeindruckend und erschütternd", sagte er. In das Gästebuch schrieb er: "Den Lebenden zur Mahnung, den Toten zum Gedächtnis." Nach seinen Gesprächen in Japan traf Fischer am Dienstagabend in Südkorea ein.

Im Januar wird eine Delegation der PDS-Bundestagsfraktion, an der Spitze der ehemalige Fraktionschef Gregor Gysi und der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gehrcke, nach Korea reisen. Auf Einladung des nordkoreanischen Parlaments werden die PDS-Politiker zunächst Pjöngjang besuchen, anschließend auf dem Umweg über Peking in die südkoreanische Hauptstadt Seoul reisen, bestätigte Gehrcke dem Tagesspiegel. Er sagte, in beiden Ländern gebe es Interesse, Erfahrungen über die deutsche Einheit zu sammeln.

Für Irritationen zwischen Berlin und Pjöngjang sorgte unterdessen die Drohung Nordkoreas, den Cap Anamur-Arzt Norbert Vollertsen auszuweisen. Der Deutsche war am Montag vom nordkoreanischen Außenministerium aufgefordert worden, wegen "unerlaubter Interviews" das Land sofort zu verlassen.

Der deutsche Arzt hatte während des Besuchs der amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright vergangene Woche in Interviews Kritik an Nordkoreas stalinistischer Führung geübt. Nach einem Protest des Auswärtigen Amtes in Berlin lenkten die nordkoreanischen Behörden am Dienstagnachmittag jedoch ein. "Man hat mir mitgeteilt, dass ich morgen mein Visum bekommen werde und weiter hier arbeiten darf", sagte Vollertsen. "Die Ausweisung ist vom Tisch."

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