Politik : Nordkorea: Gulag im Armenhaus

Klaus-Georg Riegel

Nordkorea gehörte bis vor kurzem zu den letzten, von der Außenwelt hermetisch abgeschirmten Bastionen des Stalinismus. Erst zu Beginn der 90er Jahre machte die Despotie unter Führung von Kim Il-sung und seinem Thronerben Kim Jong-il wieder auf sich aufmerksam: durch Hungerkatastrophen. Sie kosteten nach Schätzungen der internationalen Hilfsorganisationen etwa zwei bis drei Millionen Menschen das Leben. Tausende flohen über die Grenze Chinas und schufen dort ein von der Weltöffentlichkeit weitgehend ignoriertes Flüchtlingsproblem.

Die vor dem Hunger geflohenen Menschen berichteten über gut gerüstete und gut ernährte Mitglieder von Armee und Geheimpolizei. Das Heer der ohne Familie, Nahrung und Unterkunft vagabundierenden Kinder und Jugendlichen werde in abgelegene Kasernen deportiert und dort sich selbst überlassen. Ein dichtes Netz von Denunzianten, Spitzeln und Konzentrationslagern, in denen zwischen zwei- und dreihunderttausend politische Gefangene vegetierten, sorge zusätzlich dafür, dass dort keine Hungerrevolten ausbrechen. Nordkorea bleibe ein Armenhaus, das sich aber den Luxus leiste, eine Atomindustrie und ein Raketenprogramm zu entwickeln.

Vor diesem düsteren Hintergrund kommt es einer Sensation gleich, dass ein ehemaliger Häftling dem nordkoreanischen Gulag entkam und so detailliert über das Totenreich der politischen Gefangenen Kim Il-sungs berichten konnte. Kang Chol-hwan wurde 1977 zusammen mit seiner Familie im Alter von neun Jahren in das Lager Yodok verschleppt, wo er zehn Jahre lang bis zu seiner Entlassung um sein Leben kämpfte. Seine Großfamilie gehörte in Japan zu der koreanischen Exilgemeinde, die es zu Wohlstand und Ansehen gebracht hatte. Vor allem auf Betreiben seiner Großmutter, einer glühenden Kommunistin und Verehrerin Kim Il-sungs, kehrte die Familie nach Pjöngjang zurück, spendete das beträchtliche Vermögen des Großvaters der Partei und konnte für einige Jahre die Privilegien der Nomenklatura genießen.

Erst die Denunziation und Verhaftung des Großvaters zerstörte diese Kinderwelt. Die Familie des kleinen Chol-hwan wurde getrennt. Die Mutter, eine verdiente Parteiaktivistin, ließ sich scheiden und blieb in Pjöngjang, während der Vater, die siebenjährige Schwester, die Großmutter und der Onkel im Zuge der Sippenhaftung für die "Verbrechen" des Großvaters eine zehnjährige Haftstrafe in Yodok antreten mussten.

Der grauenhafte Lageralltag wird in allen Einzelheiten beschrieben. Die Familie hatte zunächst Glück. Ihre "Verbrechen" konnten durch "Arbeit und Studium" "korrigiert" werden. Sie bezog deshalb mit vier anderen Familien eine Holzbaracke und entging damit dem Los der anderen Häftlinge, die als Minenarbeiter Tag und Nacht in den Schächten zu Tode geschunden wurden. Hunger, Unterernährung, totale Erschöpfung, klirrende Kälte bildeten aber nur den äußeren Rahmen für die in Lumpen und Fetzen gekleideten Elendsgestalten. Ausführlich geht Kang auch darauf ein, wie er im Laufe seiner Lagerzeit das Repertoire an psychischen Verhaltens- und Reaktionsformen erworben hatte, um sich den zahlreichen Spitzeln zu entziehen, die prügelnden Aufseher zu täuschen und winzige zusätzliche Rationen aus dem Lagerdepot zu stehlen. Minutiös werden auch die öffentlichen Hinrichtungen geschildert, das Ritual der regelmäßig abgehaltenen Kritik- und Selbstkritiksitzungen notiert und die stumpfsinnige, mit Prügeln und Schikanen gespickte ideologische Schulung beobachtet.

Nach dem Ende der Lagerhaft wird die Familie in ein Dorf in der Nähe von Yodok einquartiert und kontrolliert. Trotz anfänglicher Erfolge, erste Schritte gesellschaftlicher Aktivitäten zu unternehmen, droht eine erneute Verhaftung. Der konnte sich Kang durch eine abenteuerliche Flucht nach China und schließlich nach Südkorea entziehen.

Wer die nordkoreanische Unmenschlichkeit aus der Nähe betrachten möchte, sollte diesen Bericht lesen. Er gehört sicher zu den bedeutenden Zeugnissen der condition humaine unter totalitären Bedingungen.

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