Politik : Nordkorea stört sich an Goethe

Ruth Ciesinger[Pjöngjang]

Pjöngjang - Überfüllung ist kein Problem, mit dem der deutsche Lesesaal in Nordkoreas Hauptstadt geschlagen ist. Etwa zwei oder drei Besucher kämen jeden Tag vorbei, erzählt Bibliothekarin Ok Bun Kim. In der offiziellen Liste hat sich am 19. April zum letzten Mal jemand eingetragen. Doch die Einrichtung bewegt jetzt trotzdem Gemüter in Berlin wie in Pjöngjang. Seit vier Wochen können die Nordkoreaner zwar nach wie vor zwischen den vier Regalreihen im Lesesaal des Goethe-Instituts in 4000 Büchern schmökern, aber deutsche Zeitschriften und Magazine liegen nicht mehr aus. Die koreanische Seite hat es so angeordnet.

Der Lesesaal ist erst 2004 eröffnet worden, drei Jahre nachdem Deutschland offizielle diplomatische Beziehungen zu dem abgeschotteten Land aufgenommen hatte. Die damalige Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, war zu dem Ereignis persönlich angereist. Die Einrichtung in einem zentralen Gebäude Pjöngjangs galt auch als Zeichen dafür, wie weit das Regime von Kim Jong Il bereit sein würde, sich zu öffnen.

Allerdings war die Vereinbarung von Beginn an nicht ohne Schwierigkeiten. Vor etwa einem Jahr flog die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ aus dem Sortiment. Dass jetzt auch andere deutsche Blätter nicht mehr zu haben sind, liegt am Artikel einer japanischen Zeitung, wie ein Funktionär in Pjöngjang sagte. In diesem Text werde ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts zitiert, wonach im Lesesaal „antikoreanisches Material“ zu finden sei. Zwar stimme das nicht, gibt der Koreaner selbst zu, aber die Behörden haben trotzdem das Zeitungsverbot verhängt.

Der Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk (CSU), der mit einer Parlamentariergruppe Pjöngjang besucht, appellierte an die nordkoreanische Seite, nicht durch einseitige Schritte „die Leuchtkraft dieses Symbols zu schwächen“. Ob die Appelle folgen haben, ist offen. Immerhin verlautete am Rande von Koschyks Gesprächen, das nordkoreanische Außenministerium wolle einen „Beitrag zur positiven Lösung leisten“. Ruth Ciesinger

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