Politik : Nordkoreas Bombe erschüttert die Welt

Harald Maass[Peking]

Der Atomwaffentest ruft international Empörung hervor Der Sprengsatz soll 30-mal kleiner gewesen sein als der in Hiroshima Jetzt wird ein Wettrüsten in Asien befürchtet


Trotz internationaler Warnungen hat Nordkorea nach eigenen Angaben am Montag erstmals eine Atombombe gezündet. Der unterirdische Test sei „erfolgreich und sicher“ verlaufen, teilte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA mit. Geologische Messstationen im Ausland bestätigten eine unterirdische Explosion, die auf eine kleinere Atombombe schließen ließ. Der Atomtest löste weltweit scharfe Kritik aus.

US-Präsident George W. Bush bezeichnete den Test als Bedrohung für den Weltfrieden und die globale Sicherheit. Er sei „inakzeptabel“ und erfordere eine unmittelbare Antwort des UN-Sicherheitsrates, sagte Bush in Washington. Die Weiterverbreitung von Atomwaffen stelle für die USA eine ernste Bedrohung dar, und Nordkorea müsse für die Folgen seines Handelns verantwortlich gemacht werden. „Einmal mehr hat Nordkorea dem Willen der internationalen Gemeinschaft getrotzt, und die internationale Gemeinschaft wird darauf reagieren“, sagte der US-Präsident. China, das bislang als Schutzmacht Nordkoreas aufgetreten war, sprach von einem „dreisten“ Atomtest und rief das Regime zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf.

In Japan und Südkorea beriefen die Regierungen Dringlichkeitssitzungen ein. „Wir treten in ein neues, gefährliches Nuklearzeitalter“, sagte Ministerpräsident Shinzo Abe bei einem Besuch in Seoul. Tokio hatte bereits im Vorfeld harte Sanktionen durch den UN-Sicherheitsrat gegen Nordkorea gefordert. Südkoreas Präsident Roh Moo Hyun versetzte die Armee in Alarmbereitschaft. Das Land setzte alle Hilfslieferungen an den Norden aus.

Auch die Bundesregierung übte scharfe Kritik und kündigte die Einbestellung des nordkoreanischen Botschafters an. „Der Nukleartest gefährdet Frieden und Sicherheit in der Region und darüber hinaus“, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. Pjöngjang setzte mit den Atomdrohungen „seinen Irrweg in die Selbstisolation weiter fort“, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

In einer Erklärung der finnischen EU- Ratspräsidentschaft hieß es in Helsinki, die Europäische Union werde mit der Staatengemeinschaft an einer „entscheidenden Antwort auf diesen provokativen Akt“ arbeiten. EU-Chefdiplomat Javier Solana sagte nach einem Treffen mit Nato- Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer in Brüssel: „Das sind sehr schlechte Nachrichten für die Menschen in Nordkorea.“ Die Führung des Landes gebe Geld für etwas aus, das dem Volk nicht diene. De Hoop Scheffer sagte: „Das ist eine Bedrohung für den Weltfrieden.“

Der Weltsicherheitsrat beriet in einer Dringlichkeitssitzung über mögliche Reaktionen auf den Atombombentest Nordkoreas. Außerdem nominierte der Sicherheitsrat den südkoreanischen Außenminister Ban Ki Moon zum neuen Generalsekretär der UN. Der designierte Nachfolger von Kofi Annan spielte eine führende Rolle in den so genannten Sechs-Nationen-Gesprächen, um Nordkoreas nukleare Ambitionen zu beenden.

Nach Angaben aus Südkorea erfolgte der Atomtest um 3 Uhr 36 (MESZ) in der abgelegenen Provinz Hamgyong im Nordosten von Nordkorea. Südkoreanischen Messungen zufolge gab es in der Region Erschütterungen der Stärke bis zu 4,2 auf der Richterskala. Den Angaben nach soll es sich um eine kleine Bombe mit einer Sprengkraft von 550 Tonnen TNT gehandelt haben – dies entspricht in etwa einem Dreißigstel der Hiroshima-Bombe der USA. Auch Russland bestätigte den Test.

Nordkoreas Staatsmedien bejubelten den Atomtest als einen „großen Sprung in einer heldenhaften Zeit“ und als Beitrag für „den Frieden und die Stabilität“ auf der koreanischen Halbinsel. „Der Atomtest wurde dank der Weisheit und einer zu hundert Prozent einheimischen Technik verwirklicht“, berichtete KCNA. Es bestehe „keinerlei Gefahr“, dass durch den Test radioaktive Strahlung austreten könne.

Der Iran hat mit Zurückhaltung auf den Atomwaffentest reagiert. Ein Sprecher des Außenministeriums in Teheran sagte, der allgemeine Standpunkt des Irans sei klar. Teheran, das selbst im Verdacht steht, ein Atomwaffenprogramm zu verfolgen, sei im Prinzip für eine atomwaffenfreie Welt.

Nach Ansicht von Experten verfügt Pjöngjang über genügend Nuklearmaterial für mindestens ein halbes Dutzend kleinerer Atombomben. Der südkoreanische Geheimdienst warnte vor möglichen weiteren Atomtests. Beobachter befürchten, dass der Test ein Wettrüsten in Asien zur Folge haben könnte. Nach Einschätzung von Geheimdiensten verfügen nun weltweit neun Staaten über Atomwaffen. Das sind die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, China, Indien, Pakistan, Israel – und jetzt eben auch Nordkorea.

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