Politik : Nordkoreas Öffnung: Ein Feindbild in Auflösung (Leitartikel)

Robert von Rimscha

Ein Handschlag zwischen den beiden Kims macht noch keinen Frieden. Doch Hoffnung ist ausgebrochen, dass "der unheimlichste Ort der Welt", wie Bill Clinton die Grenze zwischen Nord- und Südkorea einmal bezeichnet hat, irgendwann verschwinden könnte. 37 000 Amerikaner helfen dort mit, mehr als eine Million nordkoreanische Soldaten von einem Angriff abzuschrecken. Ob aus dem ersten Gipfel der beiden Nachkriegs-Staaten eine Wiedervereinigung wird, steht noch in den Sternen. Höchst real sind indes bereits die Folgen, die die innerkoreanische Annäherung für die USA hat - und für amerikanische Überlegungen, die weltweit gültig sind.

Man braucht nicht lange im Lexikon der Militärstrategie zu blättern, um Positionen zu finden, die bislang mit der unversöhnlichen Konkurrenz der beiden Koreas begründet wurden. Das Festhalten an Teilen der Doktrin "Flexible Response", die einen Ersteinsatz von Nuklearwaffen nicht ausschließt: wegen der konventionellen Überlegenheit Nordkoreas. Amerikas Weigerung, Landminen zu verbieten: stets mit demselben Argument begründet. Die Notwendigkeit, eine "nationale Raketenabwehr" (NMD, National missile defense) aufzubauen: bislang begründet mit den finsteren Absichten der "Schurkenstaaten", allen voran Nordkorea. Selbst der Abrüstungs-Thinktank "Verein besorgter Wissenschaftler" in den USA glaubt, dass Nordkorea genügend Plutonium hat, um ein oder zwei Atomraketen nach Alaska oder sogar bis Iowa schießen zu können. Ein Schutzschild soll her. Das ist, was Russland und die Europäer so ärgert - weil die NATO sich gespalten und Moskau sich in ein neues Wettrüsten gedrängt fühlt.

Nun sind den Amerikanern in einer Woche zwei Schurken abhanden gekommen. In Syrien starb der "state sponsor of terrorism" Assad, und zwischen den Koreas ist Frühling ausgebrochen. Al Gore hat das koreanische Tauwetter bereits benutzt, um an der Notwendigkeit von NMD zu kratzen. "Vermindert" habe der Gipfel der Kims den amerikanischen NMD-Bedarf, "beseitigt" indes nicht. Militärisch-strategisch ist klar: Lässt sich Nordkorea einbinden, bleiben nur Iran, Irak und Libyen als "Schurken" über. Dann wäre das wichtigste Argument für NMD entfallen. Dann läge es an Europa, sich Gedanken über die Minimierung der Gefahr zu machen, die aus Bagdad und Teheran kommt. Denn das, was an Unsicherheit von Irak und Iran ausgeht, betrifft uns eher als die Amerikaner.

So, wie die koreanische Annäherung weltpolitische Folgen für die Sicherheitspolitik hat, so verändert sie auch ökonomische Gewichte. Fraglos wäre es im Fall der Fälle für den Süden weit schwieriger, den Norden auf das selbe Niveau zu heben, wie dies für die alte Bundesrepublik nach dem Untergang der DDR mit den Ostdeutschen war. Dennoch: 46,4 Millionen Süd- und 21,4 Millionen Nord-Koreaner zusammen könnten langfristig Japans wirtschaftliche Dominanz in Ost-Asien relativieren.

Amerika hat für ein böses Nordkorea beste Verwendung gehabt. Wenn die Führung in Pjöngjang, die gerade das Pflichtfach Russisch an den Oberschulen durch Englisch ersetzt hat, mit der Öffnung so weitermacht, kommt Washington mehr als nur ein kurioser kleiner Schurkenstaat abhanden. Es wackeln die Begründungen für vieles, was man militärisch und strategisch getan hat. Kommt Nordkorea aus der Schmuddelecke heraus, muss sich Amerika eingestehen, dass Pjöngjang oft nur ein Vorwand war. Denn in Washington hat man sich angewöhnt, auch dann Nordkorea zu sagen, wenn man China gemeint hat. So ist der Wandel in Korea auch eine Chance zum Ausforsten der mentalen Militär-Archive in Washington. Dort wurde Nordkorea bislang viel mehr Ehre zuteil, als einem sich bessernden Schurken gebührt.

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