Nordrhein-Westfalen : Rechter Terror in Bocholt

Courage gegen Neonazis zu zeigen - dazu gehört Mut. Rainer Sauer zeigte Mut und organisierte Gegeninitiativen zu rechten Aufmärschen. Inzwischen bekam der Bocholter Morddrohungen auf Youtube und per Post. Jetzt musste er Polizeischutz beantragen.

Michael Hörz
Bocholt Rainer Sauer
Organisator Rainer Sauer (l.) bei der Gegendemonstration zum Neonazi-Aufmarch im September 2007. -Foto: "Bocholt stellt sich quer"

Im September 2007 wollten die NPD, ihre Jugendorganisation und "Freie Kameradschaften" unter dem Motto "Meinungsfreiheit auch für nationale Deutsche" durch das nordrhein-westfälische Bocholt marschieren. Sauer, der auch Kreissprecher der Linken in Bocholt ist, gründete die Bürgerinitiative "No Nazis - Bocholt stellt sich quer" und brachte schließlich in der rund 75.000 Einwohner großen Stadt 2000 Gegendemonstranten auf die Straße.

Die rechtsextreme Szene versuchte den 51-jährigen Gewerkschafter und Kabarettisten einzuschüchtern: Man bewarf sein Haus mit rohen Eiern, später fand Sauer Küchenschaben in seinem Haus, die durch den Türbriefkasten eingeworfen wurden. Dann wurden die Rechtsextremen schnell handfester. Im November umstellten elf Männer sein Auto auf dem Nachhauseweg, nur mit Mühe gelang es ihm und seiner Frau, ihre Nachbarn auf sich aufmerksam zu machen und sich aus der Lage zu befreien. Zwischenzeitig hatte der Familienvater sogar eine Kamera installiert, um das Geschehen vor seinem Haus festzuhalten. "Auch wenn ich überhaupt kein Fan von solchen Kameras bin", wie er sagt. Auch diese Bedrohung hat Sauers Kamera aufgezeichnet.

Droh-Aufmarsch vor dem Haus

Im Januar 2008 ging es weiter - der Gewerkschafter bekam einen sehr unangenehmen Geburtstagsgruß: "Kurz nach Mitternacht hielt vor meinem Haus ein Auto. Darin saßen vier Männer, die zwei Stunden lang laut rechtsextreme Musik abspielten", erzählt Sauer. Am Abend darauf marschieren 15 bis 20 vermummte Männer von der rechtsextremen "Anti-Antifa" vor seinem Haus auf. Sie umkreisten das Haus mit Sprechgesängen. Später wurde das Ganze auf einem Neonazi-Portal beschönigend als "Spaziergang" bezeichnet.

Seit Ende April ist Sauer nicht mehr der Kopf der Bürgerinitiative. Doch die Bedrohungen gehen weiter. Ihren traurigen Höhepunkt erreichen sie im Mai. In Videos auf Youtube wurde Sauers Foto und das weiterer Antifaschisten gezeigt. Wohlgemerkt, Rainer Sauer ist ein gestandener Mann Anfang Fünfzig, kein Krawallmacher oder ähnliches. "Da wurden unsere Namen und Adressen genannt", sagt Sauer. Ein Video rief zur Gewalt gegen Sauer auf. Im Film erschien auch eine Fahne mit "Nationaler Widerstand. Aktionsgruppe Bocholt". Inzwischen hat Youtube das Video vom Netz genommen.

"Wir kriegen dich"

Damit nicht genug: Am Abend des 16. Mai rief ihn ein Mann an, Sauer gelang es, den Anruf aufzunehmen. ""Wir kriegen dich", hat der gesagt", berichtet Sauer. Am Ende fiel noch: "Ich sag nur 9 Millimeter." Sauer und seine Frau sind ziemlich irritiert, auch wenn Sauer kein Mensch ist, der sich leicht einschüchtern lässt. Am 20. Mai bekommt er ein Schreiben von einer "Sturmbrigade 35 - Deutschland Erwache". "Der Brief hat uns richtig umgehauen", sagt Sauer.

Der Inhalt: "Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommen auch wir zu Dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen machen wir Hackemus aus Dir. Demnächst heißt es: 'Linke und Kommunisten heraus.' Ihr Dreckschweine habt in unserem Deutschland nichts verloren. Ihr seid die Verbrecher der Deutschen Nation. Wir werden euch ausrotten und das Lachen über uns wird euch noch vergehen."

Rainer Sauers Umfeld organisiert sehr schnell eine Solidaritätskampagne, auf der Website kein-fussbreit-den-faschisten.de tragen sich in kurzer Zeit über 1800 Menschen ein. Hunderte haben angerufen und ihm angeboten, sich vor sein Haus zu stellen, erzählt Sauer. Normalerweise fände er so etwas übertrieben, "aber falls das mit dem Polizeischutz nicht bald klappt..."

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