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Norwegen in Trauer : Polizei will Öffentlichkeit bei Hafttermin ausschließen

Norwegen trauert um die 93 Opfer der Anschläge. Der mutmaßliche Täter will sich beim Termin bei einem Termin beim Haftrichter öffentlich erklären. Die Polizei hat den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt.

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Trauer vor der Insel Utøya.Weitere Bilder anzeigen
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25.07.2011 07:18Trauer vor der Insel Utøya.

Die norwegische Polizei will beim heutigen Termin vor dem Haftrichter mit dem geständigen Attentäter Anders Behring Breivik den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragen. Das sagte die zuständige Polizeijuristin Carol Sandby in der Online-Zeitung „VG Nett“.

Der 32-Jährige hatte in Verhören nach den beiden Anschlägen vom Freitag, erklärt, dass er seine Motive vor dem Haftrichter darlegen wolle. Dafür wünsche er Öffentlichkeit. In seinem sogenannten „Manifest“ im Internet hatte Breivik geschrieben, dass er die Zeit nach einer möglichen Festnahme als „Propagandaphase“ nutzen wolle.

Norwegen trauert um die 93 Opfer des Massakers am Freitag auf einer Insel nahe Oslo. König Harald und Ministerpräsident Jens Stoltenberg waren am Sonntag die prominentesten Teilnehmer eines Trauergottesdienstes im Osloer Dom unweit des schwer beschädigten Regierungsviertels. Der mutmaßliche Täter, ein 32 Jahre alter Rechtsextremist, bezeichnete den Massenmord an überwiegend jungen Leuten als grausam, aber notwendig. Anders Behring Breivik habe nicht nur den Angriff auf ein Jugendlager der regierenden Sozialdemokraten, sondern auch den Bombenanschlag gegen das Regierungsviertel in Oslo gestanden, teilte dessen Verteidiger mit. Die Polizei bestätigte die Echtheit eines Manifests, in dem Breivik sein Handeln ideologisch begründete.

„Jedes einzelne Opfer ist eine Tragödie“, sagte Stoltenberg. Norwegen werde aber „seine Werte niemals aufgeben“. Bald würden die Namen und Bilder der Getöteten veröffentlicht: „Dann wird sich das Ausmaß des Bösen zeigen“, sagte Stoltenberg. „Das ist eine nationale Tragödie“, wiederholte Stoltenberg vor dem Osloer Dom. Der Sozialdemokrat betonte, dass das Verbrechen die Norweger zusammenschweiße: „Ich bin stolz in einem Land zu leben, das in schwierigen Zeiten zusammensteht. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

„Er hat gesagt, dass die Taten grausam sind, aber dass sie nach seiner Ansicht notwendig waren“, sagte Rechtsanwalt Geir Lippestad zu Breiviks Geständnis. Sein Mandant werde sich auch vor Gericht äußern, das voraussichtlich am heutigen Montag über die Fortdauer der Untersuchungshaft entscheiden wird. Auf die Frage der Zeitung „Dagbladet“ , ob sein Mandant die Tat bereue, sagt dieser: „Es ist schwierig, das zu kommentieren.“

Seine Anschläge plante der 32-Jährige offenbar seit fast zwei Jahren. Das geht aus einem rund 1500 Seiten langen Manifest hervor, das im Internet auftauchte. Darin schimpft Breivik über Seilschaften, über die „Stoltenberg-Jugend“ und über eine Arbeiterpartei, die ihr eigenes Volk verrate und verkaufe, unter anderem an Muslime. Unmittelbar vor den Anschlägen hatte er das Manifest im Internet abgeschlossen: „Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein.“ Er wolle Europa vor „Marxismus und Islamisierung“ retten. In dem Text stufte er „multikulturelle“ Kräfte als Feinde ein.Zumindest ein Teil der Schrift soll norwegischen Medien zufolge allerdings gar nicht aus Breiviks eigener Feder stammen. Sie berichten, dass Teile des Manifests direkte Kopien aus dem Manifest des amerikanischen Terroristen Ted Kaczynski sind – bekannt geworden unter dem Namen Una-Bomber, der zwischen 1978 und 1995 zahlreiche Briefbomben in den USA verschickte und damit drei Menschen tötete.

Breivik habe die Taten zwar gestanden, sich aber nicht eines Verbrechens für schuldig erklärt, sagte der amtierende Polizeichef Sveinung Sponheim. Breivik, dem bei einer Verurteilung maximal 21 Jahre Haft drohen, habe sich als Einzeltäter bezeichnet. Mehrere am Sonntag vorübergehend festgenommene Personen hatten nach Polizeiangaben nichts mit dem Massaker zu tun. Auf der Insel Utöya wurden am Sonntag weiter mehrere Menschen vermisst. Am Sonntag wurde Kritik am späten Eingreifen der Polizei auf Utöya laut. Der amtierende Polizeichef Sveinung Sponheim, korrigierte am Sonntag die Dauer des Massakers. Der Täter habe nicht 90 Minuten lang geschossen. Zwischen dem Eingang des Notrufs und der Überwältigung des Täters sei eine Stunde vergangen, sagte er.

Der Vater des mutmaßlichen Täters hat sich entsetzt gezeigt. Er stehe „unter Schock“, seit er das Foto seines Sohnes im Zusammenhang mit den Attentaten gesehen habe, sagte Jens Breivik der Zeitung „Verdens Gang“. Er habe nichts von der extremistischen Neigung seines Sohnes gewusst. Jens Breivik hatte sich kurz nach der Geburt seines Sohnes von dessen Mutter scheiden lassen und nach eigenen Angaben seit 1995 keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn gehabt.

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert. Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat ebenso wie die Europäische Union. Für die Ermordung friedlicher Bürger gebe es keine Rechtfertigung, schrieb Kremlchef Dmitri Medwedew. Innenminister Hans-Peter Friedrich sieht für Deutschland keine direkte Gefahr durch Anschläge von rechts. (mit dpa/rtr/AFP)

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