Politik : Notbremse vor dem zweiten Skandal

„Jyllands-Posten“ wollte auch Holocaust-Karikaturen abdrucken – ruderte dann aber schnell wieder zurück

Thomas Borchert(dpa)

Kopenhagen - Gleich zwei Mal hat sich die durch zwölf Mohammed-Karikaturen unfreiwillig weltberühmt gewordene Zeitung „Jyllands-Posten“ (JP) aus der dänischen Stadt Århus am Donnerstag in besonders heiklen Fragen selbst dementieren müssen. „Es ist nicht korrekt, dass JP am Sonntag eine Reihe antichristlicher und antisemitischer Karikaturen bringen will. Mit freundlichen Grüßen, die Chefredaktion“, war in fetten Buchstaben auf der Titelseite zu lesen. Der Versuch zur Entschärfung einer noch viel explosiveren medienpolitischen Bombe wurde etwas diskreter auf Seite fünf untergebracht: „JP wird unter keinen Umständen Holocaust-Karikaturen aus einer iranischen Zeitung abdrucken.“

Beides hatte JP-Feuilletonchef Flemming Rose via TV angekündigt. Erst trat der Initiator der vor gut vier Monaten veröffentlichten Mohammed-Karikaturen im US-Fernsehen auf und teilte mit, seine Zeitung versuche, Kontakt mit der iranischen Zeitung aufzunehmen, die einen „internationalen Wettbewerb für Holocaust-Karikaturen“ veranstalten will. „Wir würden die Karikaturen am selben Tag bringen“, sagte er. Kurz danach unterrichtete Rose die Zuschauer des heimischen Senders TV2 darüber, dass sie am Sonntag in der größten dänischen Zeitung schon früher veröffentlichte Jesus- und Juden-Karikaturen erwarten könnten. Seine Begründung: „Wir wollen zeigen, dass wir keinen speziell anti-islamischen Kurs haben.“ Das war offenbar zu viel für Chefredakteur Carsten Juste. Noch am Donnerstag schickte er seinen Kulturchef auf unbestimmte Zeit in Zwangsurlaub.

Nicht weniger bizarr wurde die Stimmung in Dänemark durch einen weiteren Mediensturm illustriert. Reporter hatten die Herkunft eines Schmähbildes mit Mohammed als Mann mit Schweinsohren und -nase ermittelt, das dänischen Muslimen anonym zugesandt worden war. Es zeigt in Wirklichkeit nicht Mohammed, sondern einen französischen Hobbykomiker. Dass in Dänemark lebende Imame dieses Bild bei zwei Rundreisen durch arabische Länder als Beispiel und Beweis für die Verhöhnung von Muslimen vorzeigten, wurde nach der „Enthüllung“ in praktisch allen dänischen Medien als unverzeihlich gebrandmarkt.

„Schweinerei in Allahs Namen“ betitelte die größte dänische Boulevardzeitung „Ekstra Bladet“ ihren Kommentar. Über die beiden bekanntesten in Dänemark lebenden Imame schrieb das Blatt: „Es waren Schurken wie der alte, doppelzüngige Abu Laban und der junge, glatte Ahmed Akkari, die islamische Oberhäupter gegen Dänemark aufgehetzt haben.“ Als Akkari in der meist gesehenen Nachrichtensendung zur „Bilderfälschung“ Stellung nehmen sollte, konnte der ihn befragende Moderator seinen Zorn kaum noch unter Kontrolle halten. „Was wollen Sie den Dänen sagen, die jetzt zuschauen und denken: Dieser Mann lügt?“, fragte er.

Der dänische Premier Anders Fogh Rasmussen hatte am Tag zuvor in einer von allen arabischen Nachrichtenkanälen übertragenen Pressekonferenz alle beruhigt, die sich Sorgen über das Klima im Land machten: „Die Dänen behandeln Muslime und andere Religiöse richtig gut, Dänemark ist eine sehr offene und tolerante Gesellschaft.“

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