Politik : Notenbankchef wird Fall für die Regierung

Italiens Parteien fordern Fazios Rücktritt. Er soll ein Gutachten zu einer Bankenübernahme gefälscht haben

Paul Kreiner[Rom]

Im italienischen Bankenskandal wächst der Druck auf Nationalbankchef Antonio Fazio. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Politiker aller Parteien drängen den 69-Jährigen zum Rücktritt.

Nach der Verhaftung des norditalienischen Bankers Gianpiero Fiorani ist der Gouverneur der Nationalbank direkt ins Visier der Ermittler geraten. Die Mailänder Staatsanwaltschaft wirft Fazio vor, er habe geheime Interna zum Stand eines Banken-Übernahmeverfahrens an den nun verhafteten Fiorani weitergegeben.

Fazio, der zuletzt noch beteuert hatte, er habe „ein reines Gewissen“, hat nun auch seine letzten politischen Freunde verloren: die rechtsextreme Lega Nord. Deren Chef Umberto Bossi sagte, den Chef der Notenbank „gibt es nicht mehr“. Finanzminister Giulio Tremonti sagte am Freitag: „Jetzt reicht’s. Entweder macht der Gouverneur einen Schritt zurück oder die Regierung einen nach vorne.“ Ministerpräsident Silvio Berlusconi kündigte für kommenden Dienstag eine Sondersitzung des Kabinetts zur Nationalbank an.

Schwere Vorwürfe gegen Fazio, ohne ihn namentlich zu nennen, hatte bereits die Mailänder Untersuchungsrichterin Clementina Forleo erhoben, die Fiorani verhaften ließ. Das „Netz der Komplizenschaft“, das Fiorani gehalten habe, habe auch „institutionelle Subjekte“ umfasst, schreibt die Richterin: „Das bezieht sich auf jemanden, der trotz zahlreicher Hinweise untätig geblieben ist und damit viele kleine Sparer verraten hat.“

Zudem zieht die Untersuchungsrichterin gegen Fazios „Konzept der Italianität“ zu Felde. Der Nationalbankchef hatte sich immer gegen das Vordringen ausländischer Banken gewehrt, damit aber, schreibt die Richterin, „um jeden Preis jemanden schützen wollen, der nur aufgrund der Italianität des Banksystems in der Lage war, fortgesetzt illegale Gewinne zu erzielen“.

Gianpiero Fiorani leitete bis zum Sommer die „Volksbank von Lodi“ und soll dort dem Haftbefehl zufolge sein Insiderwissen genutzt haben, um zweistellige Millionengewinne für sich und einige Freunde aus der Branche zu erzielen. Als herausragenden Fall nennt die Richterin die Übernahme des deutschen Backkonzerns Kamps durch den italienischen Nudelhersteller Barilla im Jahr 2002, die Fioranis Bank als Finanzpartner begleitete.

Zu getarnten Aktienkäufen, Scheingeschäften und Geldschiebereien nutzte Fiorani offenbar einen sehr exklusiven Kreis von „Kunden“, mit denen er sich die Gewinne teilte. Verluste wurden auf die eine Million Kleinsparer der norditalienischen Volksbank umgelegt, die sich mit „Verwaltungsspesen“, „Wechselkursaufwendungen“ und anderen Gebühren von 30, 50 Euro oder mehr konfrontiert sahen. Sogar die Konten Verstorbener seien geplündert worden, heißt es im Haftbefehl.

Schon im Sommer waren die engen Beziehungen zwischen Fiorani und Fazio bekannt geworden. Um Aufsehen im eigenen Haus zu vermeiden, bat er aber Fiorani telefonisch, die Nationalbank „bitte nur durch den Hintereingang“ zu betreten. Um Fiorani die Übernahme der Bank Antonveneta erlauben zu können, setzte sich Fazio über die gegenteiligen Bescheide der Fachleute in seiner Bankenaufsicht hinweg, bestellte externe Gutachter und montierte deren Voten nachts, persönlich und mit Hilfe eines sachlich gar nicht zuständigen Untergebenen zu einer wohlwollenden Expertise zusammen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben