Politik : Notfall-Medizin

Der Ärztestreik bedeutet für viele Kliniken den Ausnahmezustand / Kritik von SPD und Gewerkschaft

Nils-Viktor Sorge[Essen]

„Die Zettel geben Sie mal lieber den Patienten“, entfährt es der Besucherin, die gerade das Operationszentrum 2 der Universitätsklinik Essen verlässt. Dabei hatte der Narkose-Arzt sie betont freundlich angesprochen, als er ihr das Flugblatt reichte: „Darf ich Sie über die Ziele unseres Streiks informieren?“

Doch nicht alle Besucher und Patienten haben Verständnis für das, was hier an diesem Donnerstag passiert: Nach dem von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi organisierten wochenlangen Ausstand der Schwestern, Pfleger und des übrigen nicht-wissenschaftlichen Personals haben nun auch noch die Krankenhausärzte die Arbeit niedergelegt – das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. 30 Prozent mehr Grundgehalt wollen sie, und es soll endlich Schluss sein mit schlecht bezahlten Bereitschaftsdiensten in der Nacht.

Für das Essener 1300-Betten-Klinikum bedeuten die Streiks den Ausnahmezustand. „Die Ärzte operieren nur in lebensbedrohlichen Fällen“, sagt Krankenhaus-Sprecher Burkhard Büscher. Kaum ein Patient wurde daher am Donnerstag in den OP geschoben – bevor der Streik begann, waren es täglich gut 100. Die große Mehrheit muss zunächst warten, darunter sind nach Krankenhausangaben mehr als 20 schwer Krebskranke. Zudem stapeln sich auf dem Krankenhausgelände leere Medikamentenverpackungen, weil die Klinik-Müllabfuhr schon seit Wochen streikt.

Die Essener Klinik ist eines von acht deutschen Krankenhäusern, an denen am Donnerstag auch die Ärzte in den Ausstand getreten sind. Schon früh am Morgen sind 100 Essener Mediziner in Bussen nach Mainz gefahren, um mit Kollegen von acht weiteren bestreikten Universitätskliniken zu demonstrieren. 4000 Mediziner aus Halle, Freiburg, Heidelberg, München, Würzburg, Bonn, Mainz und Essen zogen dort mit Transparenten und Trillerpfeifen durch die Stadt. Im Foyer des Essener Operationszentrums stehen derweil noch einige Kollegen. Manche tragen zu ihren weißen Kitteln Baseballmützen und Krawatten in Orange, der Farbe der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Sie müssen in Minutenschnelle entscheiden, welcher von den Patienten ein Notfall ist und wer auch noch in den nächsten Tagen behandelt werden kann. Landet ein Rettungshubschrauber mit einem Unfallopfer auf dem Klinikgelände, beraten Chirurgen, Internisten und andere Spezialisten sofort in einer Funk-Konferenz, wie dringend der Fall ist. „Die Situation ist dramatisch, weil wir sowieso nur Schwerverletzte bekommen“, sagt der Kliniksprecher. „Die Patienten werden immer nervöser.“

Zudem sei der Streik für das Krankenhaus kaum bezahlbar. Schon durch den Verdi-Streik hat die Essener Klinik nach eigenen Angaben vier Millionen Euro verloren, das Krankenhaus ist nur noch zu etwa drei Vierteln ausgelastet. Vor den Streik-Kosten warnte am Donnerstag auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft. „Die einzelnen Kliniken verlieren im Schnitt 300 000 Euro pro Tag durch den Streik“, sagte Sprecher Holger Mages dem Tagesspiegel.

Und auch SPD und Gewerkschaften gaben sich ablehnender als bei anderen Streiks. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warf der Ärztegewerkschaft Marburger Bund vor, mit ihren Aktionen an Uni-Kliniken vor allem neue Mitglieder gewinnen zu wollen. Und Verdi-Chef Bsirske kritisierte: „Warum Ärzte nach 60-Stunden-Schichten inklusive Bereitschaftsdienst weniger müde sein sollen, wenn sie 30 Prozent mehr Gehalt kriegen, das verstehen viele nicht. Ich finde auch, mit Recht.“

Davon unbeeindruckt zeigte sich der Chef des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery. Die Mediziner würden ihren Arbeitskampf notfalls über Monate fortsetzen, sagte er bei der zentralen Kundgebung der streikenden Ärzte in Mainz.

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