Politik : Notfall Pflege

Die Betreuung alter Menschen ist für viele Familien zu teuer

Martin Gehlen

In jeder Tageszeitung gibt es solche Kleinanzeigen: „Suche für meine Mutter ab sofort häusliche Pflegekraft. Sie ist 72 Jahre alt und hat Zucker und Krebs. Wir möchten unsere Mutter so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung lassen. Leider ist sie sehr vergesslich geworden.“ Oder: „Suche dringend für die Betreuung unseres Großvaters, nicht bettlägerig, eine Hilfe für den Haushalt. Deutsch-Grundkenntnisse erwünscht.“

Diese Anzeigen spiegeln ein Problem wieder, mit dem zehntausende Familien in Deutschland zu kämpfen haben. Ihre betagten Verwandten erhalten durch die Pflegeversicherung eine gewisse Grundbetreuung, die aber ist auf wenige Stunden begrenzt. Den Rest des Tages und während der Nacht sind die Menschen dann sich selbst überlassen. Wäsche waschen, den Abwasch machen, beim Anziehen helfen, Einkaufen und Kochen, die Wohnung putzen, die Alten zur Toilette begleiten sowie die Einnahme der Medikamente überwachen – diese Arbeit zählt nicht zu den „Pflegearbeiten“ im Sinne der Pflegeversicherung. Im Jargon der Sozialdienste handelt es sich hier um so genannte hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Und die müssen die Familien aus der eigenen Tasche bezahlen.

Einige Jahre lang waren diese „zugekauften“ Hauswirtschaftsstunden zumindest bei den großen Wohlfahrtsverbänden relativ preiswert, sie lagen bei etwa 10 Euro pro Stunde. Das entsprach zwar dem Erstattungssatz der Pflegeversicherung für reguläre Pflegestunden, bescherte aber den Wohlfahrtsdiensten steigende Verluste. Zunächst haben die Kirchen die Finanzlücken aus Kirchensteuermitteln gestopft. Doch auch Caritas und Diakonie müssen in Zeiten zurückgehender Einnahmen nun genauer aufs Geld achten. Nachdem die Unternehmensberatung Roland Berger bei der Caritas die Wirtschaftspläne durchgeforstet hat, verdoppelte der Wohlfahrtsverband die Stundenentgelte für die hauswirtschaftliche Versorgung auf das „kostendeckende Niveau“ von 20 Euro.

Die betroffenen Familien trifft das hart. Denn sie haben nicht nur damit zu kämpfen, dass die Qualität der offiziellen Pflege – vor allem, wenn sie von kleinen, privaten Diensten verrichtet wird – oft sehr zu wünschen übrig lässt. Brauchen ihre alten Angehörigen gar eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, dann kommen im Monat schnell zwischen 2500 und 4000 Euro zusammen – für die meisten Angehörigen unbezahlbar. Viele Familien sehen nur einen Ausweg: Sie heuern eine ständige Hilfe aus Osteuropa an, auch illegal. Freie Kost und Logis plus 800 Euro auf die Hand, so lauten auf dem Pflegeschwarzmarkt die Mindestkonditionen. Da spielt es keine Rolle, dass diese Ostkräfte gewöhnlich keine Fachausbildung als Pfleger haben.

Nahezu Dreiviertel der rund zwei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden heutzutage zu Hause versorgt. Auch die Bundesregierung erkennt inzwischen die wachsende Notlage an. Vor zwei Jahren noch ließ die Staatsanwaltschaft Frankfurt in einer bundesweiten Razzia 350 Häuser und Wohnungen durchsuchen und schob über 200 illegale Pflegehilfen aus Osteuropa zum Teil noch am gleichen Tag ab. Nachdem sich die öffentliche Empörung über dieses grobe Vorgehen gelegt hatte, lenkte das Bundesarbeitsministerium ein. Es erklärte sich bereit, die etwa 50 000 „illegalen“ Pflegehilfen aus Osteuropa zu legalisieren und ihnen eine so genannte Green Card für Pflege anzubieten – zunächst befristet bis 2005. Die Regelung gilt für die fünf EU-Beitrittskandidaten Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, auch wenn die meisten Bewerberinnen aus Polen kommen.

Doch ob dieser Schritt die Probleme lösen kann, bezweifeln die Fachleute. Für die zehntausende inoffizieller Haushaltshilfen fehlt bei ihre Pflegearbeit jegliche Fachaufsicht. „Die Green Card ist keine Lösung für die prekäre Personalsituation bei der Pflege“, heißt es beim Deutschen Caritasverband in Freiburg. Das Ganze sei „ein ausgesprochen missliches Thema“.

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