Politik : Nr. 6 000 000 000 (Glosse)

Christian Schröder

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von den Behörden ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und als dann jederman geschätzt worden war, wurde ein Junge geboren, und da kamen Weise aus dem Morgenland und sprachen: Wo ist das neugeborene Kind? Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen, es zu preisen!

Die Krippe, das Kind und der König: ein wenig erinnert der Fall des "Bosnia Babys" tatsächlich an die Geschichte, die uns die Evangelisten Matthäus und Lukas erzählt haben. Die Welt stand still, als in Jerusalem ein Junge geboren wurde, von dem es hieß, er sei der Heiland, und ein bisschen tat sie das auch jetzt, fast genau zweitausend Jahre später, als im Kosovo-Krankenhaus von Sarajevo eine Frau von einem Kind entbunden wurde, von dem gesagt wird, es sei der sechsmilliardenste Mensch. Fünfmilliardenneunhundertneunundneunzigmillionenneunhundertneunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig Menschen haben sich medial in der Entbindungsstation von Sarajevo versammelt und äugen vorsichtig in das Kindsbett. Sie erblicken: sich selbst. Ein 3,5 Kilo schwerer Brocken Mensch, eingewickelt in ein Laken und friedlich schlummernd: so hat jeder von uns einmal angefangen. Der Sohn der Fatima Mevic, der noch keinen Namen hat, ist vom ersten Augenblick seines Daseins an ein Popstar. Zum sechsmilliardensten Menschen haben ihn die Vereinten Nationen ernannt, weil er zufällig am Dienstagmorgen als erster nach Mitternacht in Sarajevo geboren wurde. So erblickte er das Licht der Welt in Form von Blitzlichtgewittern und des Scheinwerferstrahls der Kamerateams. Und aus New York kam UN-Generalsekretär Kofi Anan angereist, um zu gratulieren, sozusagen der Mohrenkönig aus dem Morgenland. Mitgebracht hat er zwar nicht Weihrauch und Myrrhe, aber das Buch "Jeden Tag beginnt die Welt aufs Neue", das elf Schriftsteller dem sechsmilliardensten Menschen gewidmet haben. Von Überbevölkerung, Krieg und Hunger ist darin die Rede, und Ärger hat es auch schon gegeben um den Band, weil sich Salman Rushdie in seinem Beitrag wieder einmal mit den Religionen angelegt hat. Aber das alles kann der Junge, der keinen Namen hat, noch gar nicht wissen. Wir sollten uns jetzt aus seinem Zimmer schleichen, leise die Tür hinter uns zuziehen und ihn weiterschlafen lassen.

Und der Engel sprach: Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch große Freude, die allen widerfahren wird, denn heute ist ein Kind geboren!

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