NRW-CDU : Denkzettel für Röttgens Generalsekretär

In der NRW-CDU gibt es Kritik am neuen Landeschef Röttgen – und mehr als 200 Delegierte verweigern Wittke die Unterstützung.

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Wenige Minuten nach zwei Uhr wuchs die Nervosität bei Oliver Wittke. Soeben war Norbert Röttgen mit über 90 Prozent der Stimmen gewählt worden. Der neue Landesvorsitzende der CDU in Nordrhein-Westfalen hatte damit ein Ergebnis erzielt, das deutlich über den Erwartungen lag. Die CDU-Delegierten hatten auf diese Weise gezeigt, dass sie die Appelle nach Einheit und Einigkeit anzunehmen bereit waren. Aber gerade weil Norbert Röttgen ein so gutes Resultat beschert wurde, ahnte der Politprofi Wittke, dass ihm möglicherweise die Rolle des Blitzableiters für die vielfältigen Irritationen und Verletzungen zufallen könnte, die unter der Oberfläche des Parteitages schlummerten. Er sollte sich nicht getäuscht haben. Als die Tagungspräsidentin eine gute halbe Stunde später sein Ergebnis verkündete, hob er zwar siegessicher die Arme und freute sich anschließend über die Wahl zum Generalsekretär, aber niemandem im Saal war entgangen, dass die 70 Prozent für ihn nur dank eines Tricks noch halbwegs erträglich wirkten: die Enthaltungen und die ungültigen Stimmen fallen bei der nordrhein-westfälischen CDU laut Satzung stets unter den Tisch, sie verbessern also das relative Ergebnis. Wittke hat demnach das Problem, dass er in der nun vor ihm liegenden Amtszeit nicht nur die 183 Parteifreundinnen und Freunde überzeugen muss, die ihn offen abgelehnt haben; er muss es auch als Misstrauensvotum werten, dass sich bei seiner Wahl insgesamt 42 Delegierte entweder enthalten oder eine ungültige Stimme abgegeben haben.

Norbert Röttgen hatte in den zurückliegenden Tagen den einen oder anderen Hinweis bekommen und wusste demnach, dass er mit Wittke ein hohes Risiko läuft. Der Gelsenkirchener mit dem überbordenden Temperament hat in der Partei nicht nur Freunde, außerdem war von vorneherein klar, dass er auch stellvertretend für Norbert Röttgen mit der einen oder anderen Nein- Stimme würde rechnen müssen. Röttgen hatte den parteiinternen Zweikampf mit Armin Laschet zwar klar gewonnen, aber vor allem unter den Funktionären der Partei gibt es nach wie vor auch kritische Stimmen. Auf dem Parteitag wurden sie freilich bis auf eine Ausnahme nur hinter vorgehaltener Hand geäußert, weil niemand die gute Stimmung trüben wollte. Nur einer wagte sich aus der Deckung, der scheidende Generalsekretär Andreas Krautscheid. Ihm war es vorbehalten, auszusprechen, was zumindest ein Teil der christdemokratischen Landespolitiker fürchtet. „Man darf die Provinz nicht als Durchreisestation nutzen, man muss sie lieben“, rief Krautscheid den Parteifreunden zu; was als Spitze gegen Röttgen gemeint war, dem gelegentlich unterstellt wird, der Landesvorsitz im bundesweit größten CDU-Verband sei für ihn nur eine Etappe auf dem Weg ins Kanzleramt.

Röttgen selbst ist freilich bemüht, jeden Anschein zu vermeiden, er sei nur mit der eigenen Karriereplanung beschäftigt. Bevor er gewählt wird, spielt er eine gute halbe Stunde mit den Delegierten, gibt mal den nachdenklichen Analytiker, dann wieder den auf Attacke orientierten Parteipolitiker. Er beherrscht beide Rollen, kann allerdings nicht verbergen, dass ihm der intellektuelle Diskurs weit mehr liegt. „Wir müssen zeigen, dass Diskussion und Teamgeist zusammengehören“, sagt er vor den Delegierten und fügt hinzu: „Die Angst vor Diskussionen ist der Keim von Schwäche.“ Mit genau diesem Thema war Röttgen in die parteiinterne Auseinandersetzung gezogen und hatte Laschet eindeutig geschlagen, der darunter zu leiden hatten, dass er als Teil des abgewählten Systems Rüttgers galt.

Den Diskurs muss Norbert Röttgen in der nordrhein-westfälischen CDU erst organisieren. Dass dies angesichts der bisher eher wenig ausgeprägten Debattenkultur nicht ganz leicht werden wird, weiß Röttgen längst. Die erste Bewährungsprobe steht ihm in der Schulpolitik bevor.

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