NRW : Mit Dauerlächeln oder Zettelkasten an die Macht

Im Schlussspurt vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl wollten Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) und sein Herausforderer Jürgen Rüttgers am Dienstagabend im TV-Duell 13,3 Millionen Wähler auf ihre Seite bringen.

Bochum (17.05.2005, 22:34 Uhr) - Angesichts knapper werdender Abstände in den Meinungsumfragen legten sich die beiden Spitzenkandidaten fünf Tage vor der Entscheidung heftig ins Zeug. Anders als im ersten TV-Schlagabtausch Anfang Mai, versuchte sich der ansonsten eher moderat auftretende Rüttgers diesmal mehr als Angreifer, während Steinbrück sich verbindlicher gab.

Schon vier Stunden vor der zeitgleichen Ausstrahlung in ZDF und WDR wurde die einstündige Frage- und Antwortrunde in der Bochumer Jahrhunderthalle aufgezeichnet. Die Umgebung beider Spitzenkandidaten gab gleich darauf äußerst unterschiedliche Bewertungen ab. Während Mitarbeiter von Steinbrück fanden, sie hätten soeben den «besten TV-Auftritt des Ministerpräsidenten überhaupt» erlebt, nannten die Interpretatoren aus Rüttgers Umgebung den meist lächelnden Sozialdemokraten «weich gespült und farblos».

Gleich zu Beginn fuhr der Herausforderer schweres Geschütz auf: Die höchste Arbeitslosigkeit seit dem 2. Weltkrieg, 110 Milliarden Euro Schuldenrekord, jährlich 5 Millionen Stunden Unterrichtsausfall und ein unsoziales Bildungssystem hätten 39 Jahre Rot-Grün im größten Bundesland gebracht. Mit Hilfe eines Stapels von Karteikarten konfrontierte Rüttgers Steinbrück immer wieder mit nicht erreichten Zielen in der Wirtschafts-, Arbeits- und Haushaltspolitik.

Anders als in der ersten TV-Runde fiel Steinbrück seinem Gegner aber nicht in einem Stakkato von Gegenargumenten ins Wort, sondern parierte kontrollierter und mit Humor. «Seien Sie doch nicht so nervös, Herr Rüttgers», wiederholte er schmunzelnd einen Ratschlag, den Rüttgers ihm in der ersten TV-Runde mit auf den Weg gegeben hatte. Und der frei sprechende Amtsverteidiger stichelte gegen Rüttgers Stichwort-Kartei. «Ich hätte gern die Zitaten-Sammlung von Ihnen, Herr Rüttgers. Ihr Zettelkasten ist hoch interessant.»

Die Fragen des WDR-Chefredakteurs Jörg Schönenborn und der ZDF-Redakteurin Maybrit Illner kreisten vor allem um den Arbeitsmarkt. Einig sind beide Spitzenkandidaten in zwei Punkten: In Deutschland müsse für das gleiche Geld wieder mehr gearbeitet werden. Und angesprochen auf Meinungsverschiedenheiten mit ihren potenziellen Koalitionspartnern von FDP beziehungsweise Grüne betonten beide, dass sie sich nicht vom kleineren Bündnispartner herumkommandieren lassen werden. Rüttgers will nicht so radikal aus den Kohle-Subventionen aussteigen wie die FDP; Steinbrück will die von den Grünen propagierte Windkraft-Förderung zurückschrauben.

In der Kapitalismus-Debatte brachte Rüttgers den früheren NRW-Ministerpräsidenten und Alt-Bundespräsidenten Johannes Rau ins Spiel. Während Rau «Versöhnen statt Spalten» wollte, arbeiteten Steinbrück und SPD-Chef Franz Müntefering am Gegenteil, in dem sie Unternehmer als Heuschrecken, als marktradikal und asozial beschimpften, kritisierte Rüttgers.

Im Schlusswort warb er mit ernstem Blick für die Abwahl von Rot-Grün. «Sie haben die Chance, den Wechsel herbeizuführen. Wir schaffen den Neuanfang.» Auf den emotionalen Appell, «aus Liebe zu Nordrhein-Westfalen» verzichtete er dieses Mal.

Dagegen appellierte Steinbrück eindringlich an die Macht des Wählers und mahnte: «Wenn ich als Ministerpräsident nicht alles rosarot male, dann glauben Sie auch nicht denen, die alles schwarz in schwarz malen.» Während Rüttgers gleich zu Beginn mit besseren Umfragewerte «in allen Kompetenzfeldern» aufgetrumpft hatte, setzte Steinbrück in seinem Schlusswort auf seine höheren Sympathiewerte in den Umfragen. «Wenn Sie Steinbrück haben wollen, müssen Sie die SPD wählen. Und wenn Sie die SPD wählen, dann kriegen Sie Steinbrück.» (Von Bettina Grönewald, dpa)

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