Politik : NRW-SPD: Der Tabubrecher: Wie Schartau Politik macht

Jürgen Zurheide

Eigentlich hatte Harald Schartau den Vorsitz bei der IG Metall im Visier, und nicht zuletzt Gerhard Schröder hatte ihn ermuntert, dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren; schließlich brauche die größte Einzelgewerkschaft der Welt einen pragmatischen Macher wie den gebürtigen Duisburger. Schartau wusste nur zu genau, wie häufig er die Funktionäre der eigenen Organisation verärgert hatte. "Alte Antworten geben wir nur als Schutz, wo wir keine neuen haben", lautete einer seiner Standardsätze, und wenig später wetterte er gegen das allzu starre Korsett der Flächentarifverträge oder er propagierte den Aktienbesitz für seine Metaller.

Solche Antworten gefielen natürlich Wolfgang Clement, und als der Düsseldorfer Ministerpräsident nach der Landtagswahl einen neuen Arbeits- und Sozialminister suchte, fiel die Wahl schnell auf Schartau. Der hatte Clement zwar hin und wieder öffentlich daran erinnert, dass er bei allem Modernisierungswillen nicht allzu ungestüm vorpreschen solle, aber trotzdem war der Gesprächsfaden zwischen den beiden nie ganz gerissen.

Schartau fand sich schnell in der Politik zurecht. Seit einem Jahr gebiert er ständig neue Ideen und sie alle drehen sich um einen Kernbereich. "Wie schaffen wir die Wende auf dem Arbeitsmarkt", fragt er unablässig. Er hat Transfergesellschaften gegründet, sie übernehmen Arbeitnehmer, die ansonsten arbeitslos würden und qualifizieren sie für neue Aufgaben. Schartau hat die Sozialämter mit den Arbeitsämtern gekoppelt, und neuerdings treibt er Walter Riester. "Modellversuche sind wie Trockenschwimmen", hat er seinem Bundeskollegen zugerufen, weil ihm Riesters Vorschläge oft nicht weit genug gehen. Längst sitzt Schartau im Kanzleramt, wenn es um neue Bedingungen für Arbeit geht, und selbst der Kanzler ist aufmerksam geworden. Im Kern geht es ihm darum, die Arbeitslosen aufzuscheuchen, aber er diffamiert sie nicht, wie es Schröder hin und wieder getan hat. Er vollführt solche Drahtseilakte so kunstvoll, dass bisher weder die Gewerkschaften noch andere Gruppen aufschreien. "Ich nehme die Leute ernst, ich tue nicht nur so", sagt der 48-Jährige. Ein anderes Mitglied des Kabinetts attestiert ihm genau diese Fähigkeit: "Der kann die Leute mitnehmen." Dem konnte sich auch die NRW-SPD nicht mehr entziehen.

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