Politik : NRW-SPD: Doppelpass an Rhein und Ruhr

Jürgen Zurheide

Nur noch zwei kleine Spiegelstriche stehen zur Abstimmung, die umstrittene Parteireform hat ihre Hürde fast genommen. Doch genau in diesem Moment stürmt der Mann mit dem roten Schal auf das Podium, grüßt einmal kurz in den Saal und setzt sich dann neben Wolfgang Clement. Es ist Franz Müntefering, der wegen eines Flugzwischenfalles mit gut zwei Stunden Verspätung in der Münsterlandhalle eintrifft und so fast den historischen Moment verpasst hätte, in dem die Genossinnen und Genossen den Landesverband Nordrhein-Westfalen aus der Taufe heben.

Wenig später wird er dann an das Rednerpult treten und sich mit den über 400 Delegierten darüber freuen, dass der größten Landesverband der SPD einstimmig für die Abschaffung der Bezirke votiert hat und die innerparteilichen Kräfteverhältnisse an Rhein und Ruhr damit grundlegend verändert sind. Nur einmal, eher beiläufig, lässt Müntefering anklingen, wie viel Streit und Auseinandersetzungen diese Reform provoziert hat. "Der Prozess war nicht leicht", sagt er, dann murmelt er etwas von Entschuldigung für manch harsches Wort dem einen oder anderen Parteifreund gegenüber und schließt mit den Worten: "Aber ich hatte Recht." An dieser Stelle spürt man das Entsetzen im Saal, es klatscht niemand, hier und da gibt es Gelächter.

Hinter ihm auf dem Podium sitzt Harald Schartau, sein designierter Nachfolger. Er senkt bei dieser Passage den Blick. In der Tat hatte Franz Müntefering in seinen gut drei Jahren an der Spitze des größten SPD-Landesverbandes schwere Stunden, weil ihm die Freunde in seinem Heimatbezirk in der entscheidenden Phase des Reformprozesses die Gefolgschaft aufkündigten. Ausgerechnet die Westlichen Westfalen, sie stellen mit 100 000 Parteimitgliedern den stärksten Machtblock in der Bundes SPD, legten sich lange quer und ließen ihren einstigen Vorsitzenden alleine. Am Ende hat sich Müntefering zwar durchgesetzt, aber dass er hier in Münster den Stab an Harald Schartau weiterreicht, hat auch damit zu tun, dass er im größten Landesverband viel an Autorität verloren hat. Er hatte zwar noch versucht, diesen Prozess dadurch aufzuhalten, dass er Schartau zu seinem Generalsekretär machen wollte, aber diesen Plan durchkreuzte Wolfgang Clement mit einem Veto. Der Regierungschef brachte Müntefering danach unter Zugzwang, als er seinen eigenen Rückzug aus der nordrhein-westfälischen Parteiführung ankündigte und das als Signal verstand. In Münster reichte es nur noch für einen kurzen Händedruck, danach schwiegen sie sich so eisern an, dass es niemandem im Saal verborgen blieb.

Schartau hatte vor einigen Wochen geglaubt, er könne zwischen den beiden vermitteln: Ein Trugschluss, den viele seiner parteipolitischen Unerfahrenheit zuschreiben. Als er sich den Delegierten nach Müntefering präsentiert, weiß er um die Vorbehalte, die hier und da auf den Fluren des Landtages transportiert werden. Vor allem zu Beginn seiner Rede spüren die Zuhörer die Last, die auf seinen Schultern liegt. Schartau kann Spuren von Nervosität nicht verbergen, er klammert sich an sein vorformuliertes Manuskript. Nur gelegentlich schimmert seine Schlagfertigkeit durch und den ersten Beifall holt er sich mit einer Attacke auf CDU und CSU: "Ich kämpfe auch um den Stammtisch, der gehört nicht den Schwarzen." Danach beschwört er seine Parteifreunde, den Kampf um die Kommunen aufzunehmen. Als erstes politisches Ziel gibt er die Rückeroberung der Rathäuser an Rhein und Ruhr 2004 vor. Inhaltlich zeigt er sein Gesicht als Modernisierer mit menschlichen Antlitz: "Nicht der Markt, für mich steht der Mensch im Mittelpunkt."

In einem Punkt lässt er keinerlei Zweifel aufkommen. "In die nächste Landtagswahl ziehen wir mit dem Spitzenkandidaten Wolfgang Clement, wir spielen im selben Team und wir beherrschen Doppelpässe." An dieser Stelle klatschen die Delegierten und wenig später wählen sie ihn mit über 97 Prozent der Stimmen zu ihrem neuen Vorsitzenden.

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