Politik : NS-Entschädigung: Die verlorenen Jahre auf 45 Millionen Zetteln

Christian Böhme

Arniela L. war eine aus dem Millionenheer der Verschleppten und Ausgenutzten. Sie musste während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland Zwangsarbeit leisten. Die Osteuropäerin schuftete als junges Mädchen wie ihre Mutter in der bayerischen Landwirtschaft. Fünf lange Jahre lang. Seitdem ist sie das Gefühl der Verbitterung über die geraubten Jugendjahre und das ihr zugefügte Leid nicht losgeworden. Jetzt, nach der Unterzeichnung des Entschädigungsabkommens, hofft Arniela L., wenigstens ein wenig Geld für die Schinderei zu bekommen, Geld, das nicht mehr als eine Geste sein kann. Deshalb hat sie vor einigen Tagen an den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen geschrieben und um Hilfe gebeten. "Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte sie höflich um die Übersendung der beglaubigten Bescheinigung, daß ich, geboren 1931, und meine Mutter, geboren 1902, in der Landwirtschaft in Eggersdorf in der Zeit von 1940 bis 1945 Zwangsarbeit geleistet haben."

Solche Schreiben treffen beim Suchdienst jeden Tag zu Hunderten ein. Denn an dem dreistöckigen Gebäude inmitten des hessischen Kurorts führt auf dem Weg zur Entschädigung kaum ein Weg vorbei. Hier lagert der weltgrößte Bestand an Personalakten und Dokumenten über die Millionen Verfolgten des NS-Regimes, 23 laufende Kilometer Schicksale zwischen jeweils zwei Heftdeckeln. Wessen Name in einer der unzähligen Unterlagen auftaucht, der kann auf einen Nachweis für die Zwangsarbeit hoffen, und damit auf eine kleine Summe aus dem Zehn-Milliarden-Topf der Entschädigungsstiftung.

Mit ihren fast 70 Jahren hat Arniela L. recht gute Chancen, die Zahlung von 5000 Mark (so viel steht laut Stiftungsgesetz einem in der Landwirtschaft beschäftigten Zwangsarbeiter zu) noch zu erleben. Wer älter oder gar gebrechlich und krank ist, für den sind die Aussichten schlechter, noch zu Lebzeiten Geld zu bekommen. Denn die 400 Mitarbeiter des Suchdienstes (ISD) sind schlichtweg durch die Menge der Anfragen überfordert. Ein Berg von Anträgen türmt sich vor ihnen auf. 1000 sind es durchschnittlich pro Tag Das hat Folgen. Ende vergangenen Jahres musste der Suchdienst einräumen, dass es 350 000 nicht bearbeitete Anfragen gab. Und das, obwohl nach offiziellen Angaben 1999 etwa 250 000 beantwortet wurden. Doch der seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs entstandene Bearbeitungsstau ist kaum aufzulösen, auch nicht mit dem Einsatz der EDV. Dass es diese Probleme gibt, streitet der Leiter des Suchdienstes, der Schweizer Charles C. Biedermann, nicht ab. Er verweist aber auf die enorme Menge der Anfragen, der eine nicht ausreichende Zahl von Mitarbeitern gegenüberstehe. Zeitweise habe es bis zu vier Jahre gedauert, bis die Antworten verschickt werden konnten, sagt Udo Jost, der Koordinator für Ordnungsarbeiten. "Das war ein unhaltbarer Zustand."

"Zu bürokratisch"

Die Kritik an der einzigartigen Einrichtung ließ nicht auf sich warten. Zu bürokratisch organisiert, unqualifiziertes Personal, ein miserables Betriebsklima - all dies verzögere die Arbeit, lautete der Vorwurf von Gewerkschaften, Opferverbänden und Politikern. Suchdienst-Chef Biedermann kennt die Klagen. "Selbstverständlich ist hier nicht alles perfekt. Aber allein dem Suchdienst und dessen Strukturen die Schuld daran zu geben, ist unredlich." In der Tat ist der ISD ein kompliziertes Rechtsgebilde und dadurch auch eine schwer zu steuernde Einrichtung. Ganz oben steht eine Aufsichtsbehörde, die mit Regierungsvertretern aus elf Ländern besetzt ist. Im Einvernehmen mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf (das auch den Direktor stellt) überwacht das Gremium die Arbeit in Arolsen. Eine Stimme hat auch die Bundesrepublik, die den Suchdienst mit 27 Millionen Mark pro Jahr finanziert. Viele haben also mitzureden, wenn sich was ändern soll. Das kann dauern.

Sicherlich auch auf Grund der Vorwürfe - sie gipfelten in einem WDR-Bericht, gegen den Biedermann nach eigenen Angaben eine Gegendarstellung erwirkt hat - hat sich der Suchdienst mittlerweile bewegt. Seit einiger Zeit gibt es nun, etwa bei Rentenanträgen, die Möglichkeit einer Kurzprüfung. Die kann bisher jedoch nur von Opferverbänden in Anspruch genommen werden, nicht aber von Einzelpersonen. Und sechs Monate dauert die Antwort immer noch.

Bei der jetzt beginnenden Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter sollen die notwendigen Bescheide noch schneller rausgehen, im Interesse der Opfer. Die am Entschädigungsfonds beteiligten Länder und Partnerorganisationen sind aufgefordert, die schätzungsweise 500 000 bis 700 000 Anfragen auf Listen zusammenzufassen. Diese sollen dann, möglichst in lateinischer Schrift und auf Diskette, nach Bad Arolsen geschickt werden. "Wenn das so klappt, haben wir eine gute Grundlage dafür, dass die Anfragen über die Datenbank schnell erfolgen", sagt Jost. "Vorausgesetzt, die Sache ist wirklich gut vorbereitet, können wir ungefähr 90 000 Namen pro Monat bearbeiten."

Auch die Bundesregierung ist offenbar an einer möglichst schnellen Hilfe für die Zwangsarbeiter interessiert. 2,3 Millionen Mark zusätzlich hat sie für Bad Arolsen bewilligt. Davon sollen zusätzlich mehr als 40 neue Stellen geschaffen werden. Und noch etwas hat das Innenministerium - offenbar nicht ganz unbeeindruckt von der Kritik - in Angriff genommen: die Arbeitsabläufe in Bad Arolsen womöglich effizienter zu gestalten. Das Bundesverwaltungsamt ist vor einigen Monaten damit beauftragt worden, das gängige Prozedere unter die Lupe zu nehmen und Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten. Der Prüfauftrag ist inzwischen beendet, die Anregungen sollen im Herbst diskutiert werden. Begeisterung löst das im Suchdienst nicht gerade aus. "Einiges ist schon bedenkenswert, aber Revolutionäres ist nicht zu erwarten", sagt Udo Jost.

Doch gute Vorbereitung hin, EDV her - die Bearbeitung der Anfragen braucht Zeit. Wie Arnielas Schreiben werden die eingehenden Briefe zunächst elektronisch erfasst. Das heißt, die Personalien werden in den Computer eingegeben, ebenso die Angaben über die Verfolgung der Menschen durch die Nazis. Richtig beschwerlich und damit zeitaufwendig wird die Recherche zum Beispiel, wenn die Opfer nur noch vage Erinnerungen daran haben, wo sie zur Zwangsarbeit eingesetzt worden waren. Jan K. etwa wandte sich an den Suchdienst mit dem Hinweis, er sei gegen seinen Willen in der Landwirtschaft tätig gewesen, in "Inkopofeld" nahe einer Kreisstadt "Rothenburg-Oltertaberg". Das war nicht mehr als eine lautsprachliche Erinnerung. Und so dauerte es ein Weilchen, ehe die Mitarbeiter dank großer Erfahrung und detektivischem Spürsinn herausfanden, dass Jan K. die Gemeinde Bockfeld im Kreis Rothenburg ob der Tauer meinte.

17 Millionen Verfolgte

Routine und Ausdauer brauchen die Angestellten - zu 80 Prozent sind es Frauen - auch bei der Auswertung der Zentralen Namenkartei. Sie ist das Herzstück des Suchdienstes und in einem eigenen Haus untergebracht. Denn sie benötigt eine Menge Platz. Über mehrere Räume verteilt, in denen es nach altem Papier riecht, stehen Dutzende graue Regale mit einer unübersehbaren Menge grauer Kästchen, in denen sich wiederum kleine Karteikarten befinden. 45 Millionen Einträge gibt es, von über 17 Millionen Verfolgten. Jährlich wächst der Bestand um 800 000 neue Einträge, nicht auf Papier, sondern in der Datenbank.

Geordnet ist der gigantische Zettelkasten nicht nur alphabetisch, sondern auch lautsprachlich. Das hat einen einfachen Grund. Die Namen wurden oft aufgeschrieben, wie sie der Schreiber gehört hatte. So gibt es für ein und denselben Buchenwaldhäftling drei Schreibweisen seines Namens: Zychowski, Jechowski und Schikowski.

Auf einige Gebäude verteilt, sind in Arolsen Hunderttausende Rentenkarten, Sterbeurkunden, Häftlingslisten, Arbeitsbücher und Meldeunterlagen der Gemeinden zu finden. Für Historiker ist das Material einzigartig. Die Sache hat bloß einen Haken: Sie dürfen nicht damit arbeiten. 98 Prozent der Unterlagen sind laut Statut des Suchdienstes nicht zugänglich. "Ich kann verstehen, dass die Geschichtswissenschaftler und Gedenkstättenleiter deshalb zornig sind", sagt Jost. So seien eben die Bestimmungen. Aber nicht mehr lange. Vor kurzem hat die Aufsichtsbehörde entschieden, dass die Bestände in Arolsen demnächst für Forschungszwecke genutzt werden können. Ein bisschen wird das allerdings noch dauern. Zwei, drei Jahre schätzt Jost. Und: Der Wissenschaft stünde künftig nur der "Urbestand" zur Verfügung, sagt Jost. Alles, was danach gesammelt wurde, sei nämlich urheberrechtlich geschützt, also über Arolsen nicht zugänglich.

Ob sich die Wissenschaftler damit zufrieden geben werden, ist allerdings fraglich. Zu bedeutend ist das Archiv. Denn es beinhaltet die schriftliche Hinterlassenschaft eines bis ins Kleinste verwalteten Unrechtsstaats. Mit deutscher Gründlichkeit wurde einfach alles aufgeschrieben, bis zum letzten Tag des Dritten Reiches. Zählappelle im KZ, politische Einstellungen der Deutschen oder Sparbuchguthaben. Über jedes Detail wurde akribisch Buch geführt. Diese monströse Beflissenheit ist für die Opfer von damals heute ein Glücksfall. Denn taucht irgendwo ihr Name in den Akten auf, ist der Anspruch auf Entschädigung so gut wie sicher. Selbst eine Läusekontrolle im Lager Groß Rosen hat im Nachhinein also ihr Gutes. "Es klingt zynisch", sagt Udo Jost. "Aber ohne Lausbefall gäbe es für einige Überlebende heute vielleicht kein Geld."

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