Politik : NS-Prozess gegen früheren Abgeordneten

Stefan Schweiger

Berlin - Die Militärstaatsanwaltschaft im italienischen La Spezia will dem früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Klaus Konrad wegen eines Kriegsverbrechens den Prozess machen. Dem 89-Jährigen wird vorgeworfen, am 14. Juli 1944 als Wehrmachtsoffizier für ein Massaker in San Polo mitverantwortlich zu sein. Er soll gemeinsam mit zwei anderen Offizieren „ohne Notwendigkeit und gerechtfertigtes Motiv“ die Folterung und Erschießung von mindestens 48 Zivilisten angeordnet und mit ausgeführt haben.

Dem ARD-Magazin „Kontraste“, das am Donnerstagabend ausgestrahlt werden sollte, bestätigte Konrad, zum Zeitpunkt der Tötung der Gefangenen in San Polo gewesen zu sein. Der Beitrag belegt laut „Kontraste“, dass Konrad die Zivilisten selbst vernommen und als Partisanen eingestuft hat. Dazu sagte Konrad dem Tagesspiegel, die Behauptungen seien eine „gemeine Vorverurteilung“. Eine Beteiligung an der Tat streitet er ab. Von den drei Offizieren sei er der mit den „geringsten Befugnissen gewesen“. Bei den getöteten Zivilisten habe es sich um Partisanen gehandelt. Historiker weisen immer wieder darauf hin, dass in Italien tausende Zivilisten unter Berufung auf den Partisanenbefehl getötet worden waren.

Ein Verfahren gegen Konrad und sechs weitere Beschuldigte in Deutschland war 1972 eingestellt worden, weil der Vorwurf des Totschlags verjährt war und kein Mord nachgewiesen werden konnte. Er sei nie als Kriegsverbrecher verurteilt worden, betont Konrad heute. Konrad fürchtet nun den Prozess in Italien, da nach dortigem Recht eine „andere Auslegung für schweren oder grausamen Mord“ gelte.

Nach dem Massaker wurde Konrad zum Oberleutnant befördert. Von 1969 bis 1980 saß er im Bundestag und war Mitglied des Innenausschusses. Der Bundestag hat sich zu Konrads Amtszeit mit den Vorwürfen nie befasst.

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