NS-Verbrechen : Die Aktenverdichter

Archivrecherchen in der ganzen Welt: Das ist die Arbeit der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, jener Behörde, die auch die Beweise gegen John Demjanjuk sammelte. Ihrem Chef aber geht es nicht nur um Urteile

Verena Mayer[Ludwigsburg]
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Akten und Lager. Papier, wohin man schaut. Oberstaatsanwalt Schrimm, Leiter der Zentralen Stelle, im Archiv seiner Behörde. Foto:...ddp

Für einen deutschen Staatsanwalt kommt Kurt Schrimm erstaunlich viel herum. Allein dieses Jahr: Tschechien, USA, Chile, Brasilien. Das liegt an den Spuren, die er verfolgt. Kurt Schrimm leitet die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“, jene deutsche Behörde, die auf der ganzen Welt nach NS-Tätern sucht.

64 Jahre nach Kriegsende ist das so, als wolle man in einem riesigen Ozean einen ganz bestimmten Fisch fangen. Kurt Schrimm muss seine Netze sehr weit auswerfen. Er muss nach Südamerika, um Einwanderungsakten zu sichten. Er muss Archive in Osteuropa aufsuchen und durchsuchen, er muss nach Israel und ins Holocaust Memorial Museum in Washington.

Hin und wieder bleibt jemand in seinem Netz hängen. John Demjanjuk zum Beispiel, mutmaßlicher Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, nach dem Krieg in die USA ausgewandert.

Der Vorwurf lautet, dass 27 900 Menschen in Sobibor ermordet wurden, als Demjanjuk dort Dienst hatte, zwischen März und September 1943. Sie mussten sich ausziehen und wurden von den Wachleuten mit Bajonetten in die Gaskammern getrieben. Ein Wachmann warf einen Motor an, die Menschen erstickten an den Abgasen.

Ab dem 30. November wird gegen Demjanjuk, der die Vorwürfe abstreitet, in München der Prozess eröffnet. Die Beweislage sei gut, sagt Schrimm. Es gebe einen SS-Ausweis, der belege, dass Demjanjuk nach Sobibor abkommandiert worden war. Doch die Echtheit dieses Ausweises wird auch immer wieder in Zweifel gezogen. Wenn aber Demjanjuk in Sobibor war, dann hat er wohl auch an den Morden mitgewirkt. Sobibor war ein reines Vernichtungslager, jeder Aufseher musste jede Arbeit machen.

Kurt Schrimm, 60 Jahre, leitender Oberstaatsanwalt, sitzt in seinem Büro in Ludwigsburg vor einer riesigen Weltkarte. In Gedanken ist er schon wieder in Brasilien, wo es Berichte von Geheimdiensten geben soll, die vor deutschen Kriegsverbrechern warnen. Schrimm, aufgekrempelte Ärmel, zerzaustes Haar, sieht sich nicht als Nazi-Jäger. „Sondern als Detektiv“, sagt er. Der einem Hinweis nach dem anderen nachgeht. Zum Beispiel den Rotkreuz-Pässen, mit denen Nazi-Größen wie Adolf Eichmann oder Josef Mengele aus Europa geflüchtet waren. Sehr oft kommt er nicht weiter. In Uruguay zum Beispiel gibt es 16 000 Einwanderungsakten, doch die sind wertlos, weil es keine dazugehörigen Pässe gibt, die wurden nicht kopiert.

Oder der Ozean ist schlicht zu groß. In Argentinien haben die Behörden zwar die Pässe der Einwanderer kopiert, aber um die zu finden, müsste man insgesamt 800 000 Akten durchkämmen. Das schafft nicht einmal ein Staatsanwalt wie Kurt Schrimm.

Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg bei Stuttgart. Ein helles Gebäude, das aussieht wie eine Festung. Einst ein Gefängnis, seit 1958 werden hier NS-Verbrechen aufgeklärt, die außerhalb von Deutschland stattfanden. Eine Justizbehörde wie viele andere, graues Linoleum, abgestandene Luft, auf den Fluren wird mit „Mahlzeit“ gegrüßt. Papier, wohin man schaut. Karteikarten, insgesamt 1,6 Millionen, davon 692 000 Namen von Tatverdächtigen und Zeugen. Akten über Deportationszüge, über Erschießungen, über SS-Kommandos. Juristensprache mischt sich mit dem perversen Deutsch der Nationalsozialisten, in dem Massaker „Selbstreinigungsaktionen“ heißen und Massenmörder „Einsatzgruppen“.

Sehr oft steht auf den Aktendeckeln: Täter unbekannt. 1982 wollte man in der Zentralen Stelle eine erste Schlussbilanz ziehen. 27 Jahre später ermittelt die Justiz noch immer. Zehn Fälle übergibt die Zentrale Stelle im Jahr an die Gerichte, in zwei bis drei Fällen kommt es zum Prozess.

Die Zeit läuft. 1960 waren die Angeklagten im Durchschnitt 55,5 Jahre alt, Mitte der Siebziger 64,5. John Demjanjuk wird 90 Jahre alt sein, wenn im Mai nächsten Jahres das Urteil gesprochen wird. Sein Verteidiger zweifelt, ob er den Prozess überleben wird. Nicht länger als zwei Mal 90 Minuten darf Demjanjuk am Tag im Gerichtssaal sitzen, das haben die Ärzte bestimmt.

Für Schrimm wäre es nicht das erste Mal, dass ihm ein Täter wegstirbt. Erst unlängst bekam er aus den USA einen Fall auf den Tisch, es ging um einen Wachmann im SS-Lager Trawniki, der an der Erschießung von 8000 Juden beteiligt gewesen sein soll und eine ähnliche verschlungene Geschichte hat wie John Demjanjuk. Nach dem Krieg war der ehemalige Wachmann in die USA ausgewandert und von dort im Frühjahr 2009 nach Österreich abgeschoben worden. Kaum hatte Schrimm alles Nötige getan, um ihn nach Deutschland zu bringen, fand er eine Mail in seinem Postfach: Der Mann ist letzte Nacht gestorben.

Und alles wird eher langsamer als schneller. Staatsanwalt Joachim Riedel erzählt vom Arbeitsalltag in Ludwigsburg. Riedel, ein weißhaariger Herr im Cordanzug, ist gerade mit der Brigade Dirlewanger beschäftigt, einem SS-Bataillon in Polen, in das Wilddiebe und andere Kriminelle zur Bewährung geschickt wurden. Die Einheit war bekannt für ihre Verbrechen an der Zivilbevölkerung, einmal stürmte sie ein Krankenhaus, befahl den Schwestern, sich auszuziehen und schoss auf sie.

Riedel hat einen Berg Akten vor sich – und nicht viel in der Hand. Monate dauerte es, bis er in einem Museum in Warschau Karteikarten mit 86 Namen von Dirlewanger-Leuten aufgetrieben hat. Weitere Monate vergingen, bis er herausfand, dass elf von den Männern noch am Leben waren. Und die sagen erst mal alle, sie wissen von nichts.

Oder der Kollege, der herausfinden sollte, wo Demjanjuk seinen letzten Wohnsitz in Deutschland hatte. Den braucht es, um zu klären, welches Gericht für den Fall zuständig ist. Alles, was die Ludwigsburger wussten, war, dass Demjanjuk 1945 für die US-amerikanische Armee als Fahrer arbeitete und danach in Bayern umherzog, ehe er 1952 auswanderte. Der Kollege klapperte Gemeindeämter und Behörden in ganz Bayern ab, bis er irgendwann im Keller des Rathauses in Feldafing am Starnberger See eine Meldekarte aus dem Jahr 1951 ausgrub. Arbeit im Steinbruch der deutschen Geschichte

Und das ist noch der erquicklichere Teil der Arbeit. Riedel schielt auf einen Aktenstapel. Rechtshilfeersuchen, Routineanfragen, was aus bestimmten Verfahren geworden sei. 4000 solcher Anfragen muss Riedel bearbeiten. Ganz abgesehen davon, dass die Zentrale Stelle nicht immer sehr beliebt war. Deutsche Gerichte taten sich nicht durch Ehrgeiz hervor, wenn sie Akten von den Ludwigsburgern erhielten. Mehr als 110 000 Überprüfungs- und Rechtshilfevorgänge leitete die Zentralstelle ein und 7400 Ermittlungsverfahren. Rechtskräftig verurteilt wurden bis heute etwa 6500 Personen.

Oft mangelt es an Beweisen, und die wichtigen Akten waren die längste Zeit nicht zugänglich. Der Ostblock ignorierte die Arbeit der Ermittler. Nur einmal, im Jahr 1968, öffnete sich der Eiserne Vorhang ein Stück, und die Ludwigsburger durften nach Moskau ins Archiv. Im kleinen Museum neben der Zentralen Stelle liegt ein Brief, den die NS-Fahnder einst erhielten: „Sie und Ihre Staatsanwälte sind außer Idioten noch große Trotteln, welche auf Familienausflügen nach Moskau das Geld der Steuerzahler verpulvern. Euch sollte man alle einen Kopf kürzer machen.“

Kurt Schrimm schaut auf seine Weltkarte. Als Schrimm 2000 die Behörde übernahm, war man an einem toten Punkt. Es trafen kaum noch Hinweise ein, Anzeigen sowieso nicht. Schrimm hat dann begonnen selbst zu suchen. Die Reisekosten haben sich seither vervierzehnfacht. Argentinien, Paraguay und die Ukraine kann er schon abhaken, als Nächstes ist das Holocaust Memorial Museum in Washington dran.

Ob er glaubt, dass dadurch weitere Leute vor Gericht kommen? „Die Chancen tendieren gegen Null“, sagt Schrimm, es klingt nicht zynisch, eher sachlich. Wenn neue Kollegen kommen, sagt er ihnen als Erstes: Wenn Sie Ihren Erfolg an Urteilen messen, sind Sie hier falsch. Es habe dennoch kaum jemand Zweifel daran, wie wichtig die Zentrale Stelle sei. Denn die Ludwigsburger dürfen zwar vieles nicht, weil sie den Staatsanwaltschaften nur vorgeschaltet sind. Sie dürfen keine Haftbefehle ausstellen oder Hausdurchsuchungen anordnen. Aber vieles dürfen sie eben schon. Sie dürfen Ämter und Behörden einschalten, sie dürfen Zeugen laden und Zeugen zwingen zu erscheinen. „Welcher Historiker hat schon solche Möglichkeiten?“, fragt Schrimm. „Unser Auftrag ist die Aufklärung.“

Für NS-Verbrechen interessierte er sich anfangs nicht. Wie alle jungen Staatsanwälte wollte er Tötungsdelikte bearbeiten, Raubmorde, Beziehungstaten, „das Sahnestück“. Es kam anders, Schrimm war lange Jahre der einzige Staatsanwalt Baden-Württembergs, der sich mit NS-Verbrechen befasste. Seither hat er tief in die Abgründe der deutschen Seele geschaut. Er hat Täter gesehen, die unter anderen Umständen womöglich nie zu Mördern geworden wären, und Täter, die blutrünstige Sadisten waren.

Josef Schwammberger war so einer, der Kommandant des Ghettos in Przemysl, der 1992 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 900 Juden töteten Schwammberger und seine Leute, sie schossen auf die Menschen und warfen sie auf einen brennenden Holzstoß. Sechs Tage lang saß Schrimm mit seiner Sekretärin bei Schwammberger und vernahm ihn. Am ersten Tag sagte die Sekretärin zu Schrimm: Der ist so charmant, das kann kein Mörder sein. Am sechsten Tag sagte sie: Ich bin froh, dass ich ihm nicht im Ghetto begegnet bin.

Aber vor allem erlebte Schrimm Leute, die sich keiner Schuld bewusst waren. Einmal, in einem Prozess gegen einen SS-Mann, der in Böhmen sieben Juden erschossen hatten, hat Schrimm 450 Zeugen aufgetrieben. Männer zwischen 70 und 80 Jahre, alle waren sie in der Nähe des Geschehens gewesen. Doch keiner wollte etwas gesehen haben. Sicher, Schrimm hätte jeden einzelnen wegen Falschaussage vor Gericht bringen können. Aber dann hätten im Zeugenstand wieder alle die Unwahrheit gesagt. „Da kriegt man schon eine Wut“, sagt Schrimm.

Verurteilt wurde der Mann übrigens aufgrund einer einzigen Aussage. Die stammte von einem Untergebenen, der Ende 1998 eine Postkarte geschrieben hatte. Darauf ein paar Sätze und der Name des Täters. Die Postkarte kam aus Montreal. Schrimm blickt auf seine Weltkarte. Er wird weiter seine Netze in den Ozean werfen.

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