NS-Verbrechen : Gibt es einen Prozess gegen Demjanjuk?

Das Tauziehen ist beendet. John Demjanjuk ist nach Deutschland ausgeliefert worden. In seiner Zelle in Stadelheim erwartete den 89-jährigen mutmaßlichen NS-Verbrecher Leberkäse mit Kartoffelbrei. Doch die spannende Frage lautet nun: Erwartet ihn auch ein Prozess?

Claudia von Salzen
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Die Sondermaschine aus Cleveland landete am Dienstagmorgen auf dem Flughafen München. 57 Jahre, nachdem der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk in die USA ausgewandert war, kehrte er nach Deutschland zurück. Bis zuletzt hatte seine Familie versucht, die Abschiebung zu verhindern. Der 89-Jährige sei so krank, dass die Reise und der zu erwartende Prozess der Folter gleichkämen. Auf dem achtstündigen Flug wurde er medizinisch genau überwacht: Ein Arzt, ein Pfleger und medizinische Spezialausrüstung waren mit an Bord. Noch am Flughafen untersuchte ein Arzt Demjanjuk und erklärte ihn für transportfähig. In einem Krankenwagen wurde der 89-Jährige in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim gebracht, wo er sich in der Pflegestation eine 20 Quadratmeter große Zelle mit einem anderen Häftling teilt. Er sei wach und ansprechbar, berichtete das Gefängnispersonal. Auf dem Speiseplan standen Muschelsuppe, Leberkäse und Kartoffelbrei. Nach einer weiteren ärztlichen Untersuchung eröffnete ihm der Ermittlungsrichter den 21-setigen Haftbefehl.

Wie geht es weiter?

Demjanjuk soll möglichst bald vernommen werden und sich zu den Vorwürfen äußern können. Die Staatsanwaltschaft München will innerhalb weniger Wochen Anklage vor dem Landgericht München erheben. Zunächst haben aber wieder die Ärzte das Wort: Die entscheidende Frage ist, ob Demjanjuks Gesundheitszustand eine Verhandlung zulässt. Sein Verteidiger Ulrich Busch betonte, genau das sei nicht der Fall. „Er wird wohl nicht in der Lage sein, aktiv an seiner eigenen Verteidigung mitzuwirken“, sagte Busch dem Tagesspiegel. Zudem leide sein Mandant unter so starken Schmerzen, dass er ständig Medikamente einnehmen müsse. Bereits vor zwei Wochen hatte der Anwalt Haftbeschwerde eingelegt. Busch argumentiert, nicht Deutschland, sondern Polen sei zuständig für das Verfahren. Außerdem sei Demjanjuk bereits in Israel auch wegen der Zeit in Sobibor angeklagt worden. Und schließlich stellt der Anwalt die Stichhaltigkeit der Beweise in Frage.

Was wird Demjanjuk vorgeworfen?

Demjanjuk soll als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor von März bis September 1943 Beihilfe zum Mord an mindestens 29 000 Menschen geleistet haben. Wie wurde der Mann, der 1920 als Iwan Nikolajewitsch Demjanjuk in einem ukrainischen Dorf geboren worden war, zum Helfer der SS in Sobibor? Während des Zweiten Weltkriegs diente Demjanjuk in der Roten Armee. 1942 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Bis heute sieht sich Demjanjuk daher als Opfer. Was er aber nach Recherchen der Ermittler später getan haben soll, streitet er ab. Die SS brauchte Helfershelfer für die sogenannte „Aktion Reinhardt“, die systematische Ermordung der Juden im besetzten Polen, und sie rekrutierte sie vor allem unter den sowjetischen Kriegsgefangenen. Etwa 3000 von ihnen – die meisten waren Ukrainer – wurden von der SS im Ausbildungslager Trawniki auf den Einsatz in Vernichtungslagern und bei Massenerschießungen vorbereitet. Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass auch Demjanjuk zu den „Trawniki“ gehörte und sich von der SS ausbilden ließ. Im März 1943 wurde er nach Sobibor geschickt, wo er als Wachmann eingesetzt wurde. Überlebende erinnern sich, dass die ukrainischen Wachleute sich besonders brutal verhielten und die jüdischen Häftlinge quälten. Außerdem waren sie es, die die Juden in die Gaskammern trieben.

Welche Beweise gibt es gegen ihn?

Aus der Zeitung hatten die Ermittler der Zentralstelle zur Aufklärung von nationalsozialistischen Verbrechen in Ludwigsburg erfahren, dass die USA Demjanjuk die Staatsbürgerschaft aberkannt hatten und ihn abschieben wollten. Daraufhin wurden die Ermittler tätig und recherchierten ein halbes Jahr lang in Deutschland, Israel und den USA. Das entscheidende Beweisstück kam aus Washington, vom Office of Special Investigations (OSI), einer Behörde des US-Justizministeriums, die in den USA lebende NS-Verbrecher aufspüren soll. Im Februar wurde der SS-Dienstausweis Demjanjuks aus den USA nach Deutschland gebracht. Es gab zwar schon zwei Gutachten von amerikanischen Experten, aber das bayerische Landeskriminalamt ließ ein weiteres anfertigen, um die Echtheit des Ausweises zu beweisen. Schließlich hatte es daran in einem früheren Prozess in Israel Zweifel gegeben. Der Ausweis beweist zum einen, dass der Ukrainer in den Diensten der SS stand. Zum anderen geht daraus hervor, dass Demjanjuk am 27. März 1943 nach Sobibor kam. Die Ermittler wurden außerdem in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg fündig: Am 1. Oktober 1943 traf Iwan Demjanjuk, Dienstnummer 1393, zusammen mit 139 anderen Wachleuten aus Trawniki in Flossenbürg ein. Dieselbe Dienstnummer steht auch in dem SS-Ausweis. Überlebende von Sobibor können sich nicht an Demjanjuk erinnern. Doch für die Ermittler steht außer Frage, dass die Wachleute in Sobibor zu Tätern wurden, weil sie die Juden in die Gaskammern trieben. „Jeder der Aufseher in Sobibor wusste genau, was dort abläuft“, betont der Leiter der Zentralstelle in Ludwigsburg, Kurt Schrimm. Die Ermittler wiesen nach, dass in den sechs Monaten, in denen Demjanjuk in Sobibor war, mindestens 29 000 Menschen in den Gaskammern ermordet wurden. Sie könnten sogar die Namen der Opfer nennen, da sie Transportlisten aus dem niederländischen Westerbork gefunden hätten, berichtet Schrimm. Von großer Bedeutung für die Anklage könnte auch ein Zeuge sein, der offenbar bestätigt, mit Demjanjuk als Wachmann in Sobibor und in Flossenbürg gewesen zu sein.

Welche Prozesse gegen ihn gab es bereits?

Schon einmal stand Demjanjuk wegen seiner Vergangenheit als Wachmann in einem Vernichtungslager vor Gericht. Überlebende des Holocaust hatten ihn als „Iwan den Schrecklichen“ identifiziert, der in Treblinka seine jüdischen Opfer mit äußerster Brutalität gequält hatte. Daraufhin entzogen ihm die USA die Staatsbürgerschaft und lieferten ihn 1986 an Israel aus, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde er in einem Aufsehen erregenden Verfahren 1988 zum Tode verurteilt. Der Fall des Eisernen Vorhangs rettete Demjanjuk das Leben: Plötzlich tauchten Dokumente aus den Archiven des KGB in Moskau auf, aus denen hervorging, dass ein anderer Iwan der gefürchtete Wachmann von Treblinka war. Israels Oberster Gerichtshof hob 1993 das Urteil auf. Demjanjuk kehrte triumphierend in die USA zurück und setzte vor Gericht durch, dass er wieder Amerikaner werden konnte. Doch das OSI gab nicht auf. 2002 wurde Demjanjuk die US-Staatsbürgerschaft erneut entzogen. Ein langer Rechtsstreit folgte, der erst in der vergangenen Woche endete und die Abschiebung zur Folge hatte.

Gibt es noch weitere Fälle?

Die großen NS-Prozesse in Deutschland, in denen es um Auschwitz, Treblinka und Majdanek ging, fanden in den 60er und 70er Jahren statt. In Hagen kam es 1965 zum Prozess gegen zwölf deutsche SS-Angehörige, die in Sobibor waren. Nur einer erhielt lebenslänglich, fünf wurden freigesprochen. Sollte Demjanjuk tatsächlich in München vor Gericht gestellt werden, könnte es einer der letzten NS-Verbrecherprozesse in Deutschland werden. Die Zentralstelle in Ludwigsburg ermittelt seit einigen Wochen allerdings in drei weiteren Fällen gegen mutmaßliche NS-Verbrecher. Mindestens in einem Fall könnte es nach Einschätzung der Ermittler noch zum Prozess kommen.

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