NS-Verbrechen : Wozu Menschen fähig sind

Vor 75 Jahren haben die Deutschen im ukrainischen Babij Jar 33. 771 jüdische Kinder, Frauen und Männer erschossen. Ein Kommentar.

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Gedenkstätte Babij Jar in der Nähe von Kiew.
Gedenkstätte Babij Jar in der Nähe von Kiew.Foto: dpa

Dieser 29. September in Berlin ist ein herrlicher Spätsommertag. Viele Touristen, vorwiegend junge Menschen, genießen ihn. Aber in dem grauen Gebäude in der Niederkirchnerstraße hört man kein Lachen. Die Räume der Topographie des Terrors sind voller Menschen, Schüler und Studenten aus aller Welt unter ihnen, die in fassungslosem Entsetzen Fotografien anschauen. Bilder, die ein Verbrechen dokumentieren, dass vor genau 75 Jahren im ukrainischen Babij Jar von deutschen Uniformträgern verübt wurde: die Erschießung von 33.771 jüdischen Kindern, Frauen und Männern.

Eine Ausstellung dokumentiert die unfassbare Tat. Der Bundespräsident hat am Jahrestag des Geschehens am Ort des Geschehens in der Nähe von Kiew der Opfer der Massenhinrichtungen gedacht. Er hat dort gemahnt, so wie es bereits der Außenminister bei der Ausstellungseröffnung am Dienstag in Berlin getan hat, dass nichts an dem Grauen von 1941 fern ist. Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier sprechen von Erinnerungen, die nie vergehen, an einem Ort, der uns Deutschen besonders nah ist, weil die Täter Deutsche waren.

Aber auch, weil in der Ukraine heute wieder Krieg herrscht, wieder Menschen fliehen müssen. Babij Jar verbindet uns als Ort der Täter eben auch mit dem Europa von heute, denn die Ermordeten von damals kamen aus der Ukraine, aus Russland, aus Polen.

Die Diplomatie erlebt täglich, wie nah Kiew ist

Die Ukraine ist ein Teil Europas, die Menschen dort haben ein Recht, als Bürger einer souveränen Nation zu leben und sich Europa zugehörig zu fühlen. Die deutsche Diplomatie erlebt tagtäglich, dass Kiew nah ist, weil sich Deutschland mehr als andere europäische Staaten seit Jahren darum bemüht, den von Russland ausgehenden militärischen Konflikt einzuhegen und eine friedliche Lösung zu erarbeiten – eine Lösung, die es der Ukraine erlaubt, sich als Teil des Westens zu fühlen und ihre Politik entsprechend zu gestalten. Auch deshalb wollte der Bundespräsident zusammen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und dem polnischen EU-Ratspräsidenten Donald Tusk Kerzen am Denkmal für die 33 771 Erschossenen entzünden.

Joachim Gauck hat begründet – obwohl dies eigentlich keiner Begründung bedarf –, wo es eine furchtbare Kontinuität vom damaligen Geschehen bis heute gibt: „Die Einzigartigkeit des Verbrechens (...) bestand nicht zuletzt darin, dass fast niemand die Bestialität der Täter und den Zivilisationsbruch, zu dem sie bereit waren, für möglich hielt.“ Das, was wir für unmöglich halten, gibt es auch heute, in Europa, will Gauck mahnen.

Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, sagt anlässlich des Jahrestages, Erinnerung sei „Vergewisserung, wie schnell es gehen kann, dass aus dem verbalen Schüren von Rassenhass und Antisemitismus tödliche Realität wird. (...) Dort, wo der Holocaust im Geschichtsunterricht kaum oder gar nicht vorkommt, ist es leichter, Menschen zum Hass auf Juden oder andere Minderheiten zu bringen.“ Wer in die Niederkirchnerstraße geht, kann sehen, wozu Menschen fähig sind.

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