NS-Verfolgte in Osteuropa : Opfer zweiter Klasse

Viele jüdische NS-Überlebende in Osteuropa bekommen bis heute keine Hilfe aus Deutschland. Ein Besuch in Kiew.

Sebastian Bickerich
Ukraine
Jüdische Zwangsarbeiter beim Straßenbau in der Ukraine, etwa 1941/42. -Foto: Cinetext

KiewEs ist kalt geworden in der „Straße der Enthusiasten“ in einem der grauen Plattenbauvororte auf Kiews rechter Dnepr-Seite. Der Weg in die Wohnung von Dimitri Bobeski führt durch ein Treppenhaus ohne Fensterscheiben und Fahrstuhl, die Leitungen hängen von unverputzten Wänden. Bobeski ist einer von über 12 000 jüdischen Holocaust-Überlebenden im Großraum Kiew, und wie viele andere alte Männer und Frauen in der Ukraine bekommt er vom deutschen Staat keinerlei Entschädigung für das erlittene Unrecht – wegen ein paar Wochen, die er zu wenig in den Ghettos und KZs der Nationalsozialisten verbrachte.

„Die Deutschen haben nun mal ihre Gesetze“, sagt der 74-jährige Bobeski ruhig. Er will nicht betteln, nicht den Eindruck machen, als hätte er Hilfe dringend nötig. Dass das so ist, daran kann indes gar kein Zweifel bestehen. In der Ukraine, diesem vielen Westeuropäern rätselhaft erscheinenden Staat zwischen Polen und Russland, geht gerade gar nichts mehr, das Land steht vor dem Staatsbankrott, und gerade alte Menschen wie Bobeski bekommen das zu spüren: die Inflation von über 30 Prozent frisst die ohnehin schmalen Renten auf, die Gaspreise steigen nach dem Energiekrieg mit Russland Monat für Monat, und eine Krankenversicherung nach westlichem Muster gibt es nicht zwischen Lemberg und Donezk.

Eine jüdische Organisation kümmert sich um Bobeski, bringt einmal in der Woche etwas zu essen und eine Betreuungskraft vorbei, bezahlt vor allem durch US- Spenden. Für die Helfer des jüdischen amerikanischen American Jewish Joint Distribution Committee (Joint) ein Skandal. „Deutschland steht in der Pflicht, sich um die Opfer des Holocaust zu kümmern“, sagt Schauli Dritter, Chef der für die Nachfolgestaaten der UdSSR zuständigen Joint-Sektion, und verweist auf die über 1,5 Millionen Juden im Land, die zwischen 1941 und 1943 vor allem von SS-Einsatzgruppen umgebracht wurden. Seine Organisation hat im Land ein Netz sogenannter Hesed(„Würde“)-Zentren aufgebaut; hier wird rund 35 000 Holocaust-Überlebenden Hilfe im Alltag angeboten, hier tauschen sich jüdische Ukrainer aus, hier wird auch die von Deutschland an schwerstverfolgte Holocaust-Opfer geleistete Hilfe verteilt, die die „Jewish Claims Conference“ (JCC) von Deutschland eintreibt.

Erst seit 1998 können die Verfolgten in Osteuropa überhaupt monatliche Beihilfen aus einem von der JCC verwalteten Fonds beantragen – wenn sie mindestens sechs Monate in einem Konzentrationslager oder 18 Monate in einem Ghetto waren. Nur dann haben sie Anspruch auf eine monatliche Rentenzahlung von 178 Euro. Bei Bobeski ist das nicht der Fall. Weil er beide Kriterien knapp verfehlt, bleiben dem alten Mann nur seine staatliche Rente von umgerechnet 92 Euro und die Unterstützung seiner Tochter, die wie so viele andere Ukrainer gerade arbeitslos geworden ist.

Bobeski war fünf, als seine Familie im ostpolnischen Wischkuw ins Ghetto musste. Nach einem Jahr ging es ins „Konzlager“, wie die Ukrainer KZs nennen, sein Vater und ein älterer Bruder wurden sofort ermordet, kurze Zeit später starben ein weiterer Bruder und seine Mutter an Entkräftung. Ihm und seinem ältesten Bruder gelang zu Fuß die Flucht in die UdSSR. „Mein Bruder hat mich gerettet“, erzählt er mit Tränen in den Augen, jetzt kümmern sich seine Frau und seine Tochter um ihn.

Dass es Bobeski heute so schlecht geht, liegt nicht nur an der Wirtschaftskrise, sondern an einem strukturellen Problem, unter dem viele Holocaust-Opfer leiden: Die Schtetl-Gemeinschaft, in der die meisten Juden in Osteuropa lebten, ist seit der Schoah ausgelöscht – und damit auch das Netz sozialer Bindungen. Die ukrainischen Juden leben kaum mehr auf dem Land, sondern in kleinen Wohnungen in der Stadt und haben keine Angehörigen mehr. Sie können weder selbst notdürftig Gemüse für den Eigenbedarf anbauen wie viele andere Ukrainer noch auf die Hilfe ihrer Familien setzen. Umso wichtiger ist da die Hilfe durch den deutschen Staat. Bobeski hat davon nichts.

„Diese Regelung ist hartherzig und für die Betroffenen nicht nachvollziehbar“, sagt Georg Heuberger, Repräsentant der Claims Conference in Deutschland. Er fordert die Bundesrepublik auf, sich um die Menschen zu kümmern. „Die Überlebenden haben keine Zeit mehr, noch länger auf ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu warten“, sagt Heuberger. Deutsche Bürokraten verwehrten einen „Lebensabend in Würde“. Nach Auffassung der JCC könnte NS-Verfolgten wie Bobeski, die bisher nicht entschädigt wurden, mit einer Einmalzahlung von 2500 Euro geholfen werden. Der internationale Dachverband, der die jüdische Gemeinschaft bei Verhandlungen zur Entschädigung von NS-Opfern vertritt, setzt sich daher bei der Bundesregierung dafür ein, dass für solche Zahlungen an NS-Opfer in Osteuropa ein Härtefonds eingerichtet wird. Die aber bleibt stur. Das für die Verhandlungen zuständige Finanzministerium hat dieser Tage wieder einmal erklären lassen, es sehe für Änderungen beim Procedere keinen Anlass. Immerhin gebe man bereits 129 Millionen Euro für Sozialfürsorge betagter NS-Opfer in 43 Ländern weltweit aus; 12 Millionen Euro gingen in die Ukraine. 3500 Schwerstversehrten zahlt Deutschland eine Rente.

Noch eine weitere Regelung macht Heuberger fassungslos: Während westlichen Holocaust-Überlebenden eine Rente von rund 291 Euro zusteht, bekommen Osteuropäer nur etwa 216 Euro; Bürger von Nicht-EU-Staaten wie der Ukraine nur 178 Euro. Das Finanzministerium erklärt dies mit einem individuellen, regionalspezifischen Warenkorb, an dem sich die Zahlung orientiere. Doch selbst Diplomaten im Auswärtigen Amt erklären hinter vorgehaltener Hand, die Regelung enthalte „gewisse Ungereimtheiten“ – war doch vor allem Osteuropa Schauplatz des Holocaust.„Wir empfinden das als Diskriminierung“, sagt Boris Zabarko, Vorsitzender der Ukrainischen Vereinigung der Holocaust-Überlebenden. Die JCC verweist auf die explodierenden Lebenshaltungskosten gerade in der Ukraine. Die Ungleichbehandlung erinnere zudem an den Kalten Krieg.

In der „Straße der Enthusiasten“ dämmert es, in der Nacht wird es Frost geben. „Wir hatten noch Glück mit dem Winter, es gab nur ein paar Tage mit der hier üblichen Eiseskälte“, sagt Schauli Dritter von „Joint“ auf der Rückfahrt ins warme Hotel. „In einem normalen Jahr würden die Alten in ihren eiskalten Wohnungen sterben wie die Fliegen.“

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