Politik : NS-Zwangsarbeiter: Auch die Kirchen beschäftigten im Zweiten Weltkrieg Gefangene

Raoul Fischer,Markus Hesselmann

Die Evangelische Kirche hat während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter beschäftigt. Der Berliner Landesbischof Wolfgang Huber räumte am Dienstag ein, dass es in Berlin ein Lager mit rund 100 Gefangenen gegeben habe, die auf einem Friedhof arbeiten mussten. Auch in der Diakonie wurden in großem Umfang Zwangsarbeiter beschäftigt. Das belegt eine Studie, die heute dem Diakonischen Werk in Berlin übergeben werden soll.

Von den Zwangsarbeitern sollen in Berlin 26 evangelische und zwei katholische Gemeinden profitiert haben. "Es ist bedrückend, wie planmäßig auch Kirchengemeinden den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel durch den Einsatz von Zwangsarbeitern ausgeglichen haben", sagte Bischof Huber. Damit seien sie in das Herrschaftssystem der Nationalsozialisten eingebunden gewesen. Das Zwangsarbeiterlager der Berliner Kirchengemeinden wurde von 1943 an bis zum Kriegsende auf einem Friedhof in Neukölln unterhalten.

Diakonie und Evangelische Landeskirche in Württemberg hatten zuvor mitgeteilt, dass dort ebenfalls Zwangsarbeiter beschäftigt worden sind. Die Evangelische Kirche Deutschlands will sich mit rund zehn Millionen Mark am Entschädigungsfonds für NS-Zwangsarbeiter beteiligen.

Das Diakonische Werk hatte bereits Ende 1999 seine Einrichtungen beauftragt, Nachforschungen über die Beschäftigung von Zwangsarbeitern anzustellen. Der mit der Studie betraute Hamburger Historiker Harald Jenner will die Ergebnisse seiner Arbeit heute in Berlin übergeben. Er hat sich mit seiner Untersuchung zunächst auf die nordelbische Kirche . Demnach haben die diakonischen Einrichtungen Zugriff auf Zwangsarbeiter gehabt, und diese Möglichkeit auch genutzt. Für Baden-Württemberg liegen aus vier Einrichtungen konkrete Hinweise vor. Bei der Gustav-Werner-Stiftung in Reutlingen wurden 80 Zwangsarbeiter eingesetzt.

Die Beteiligung zweier katholischer Gemeinden am Berliner Zwangsarbeiterlager war der Katholischen Kirche bislang offenbar nicht bekannt. "Darüber liegen uns keine Erkenntnisse vor", sagte gestern Prälat Gerhard Lange von der Arbeitsstelle Zeitgeschichte des Erzbistums Berlin. Die Katholische Kirche will dem Entschädigungsfonds nach derzeitigem Stand in pauschaler Form nicht beitreten, wie der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Rudolf Hammerschmidt, am Dienstag sagte.

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