Politik : NS-Zwangsarbeiter: "Unser Leben ist vorbei"

Christoph Ernesti

Antonina Pavlova weint. Sie selbst ist regungslos dabei. Ihre Hände verkrampfen sich um eine längst erkaltete Tasse Tee. Langsam hat sie sich durch Dokumente und Erinnerungen herangetastet an den Todestag ihrer Mutter, den 4. Januar 1944. Kein Detail der Vertreibung, der Flucht und der Deportation in ein Zwangsarbeiterlager in Leipzig hat sie ausgelassen.

17 Jahre alt ist Antonina im Sommer 1942, als die Deutschen beginnen, das Zarenresidenzstädtchen Peterhof bei St. Petersburg mit schwerer Artillerie zu beschießen. "Wir schmissen uns immer in die noch warmen Granattrichter, um uns vor den nächsten Einschlägen zu schützen", erzählt die heute 76-jährige Frau. Tagelang harrt sie mit Hunderten verängstigter Menschen im Keller eines Hauses aus. Als sie schließlich die Tür öffnet, liegt die zerfetzte Leiche eines Soldaten davor.

Die Familie schließt sich einem Flüchtlingstreck an, den die Deutschen vor sich her nach Gdow treiben. Von hier aus werden sie nach Leipzig deportiert. Bereits einen Tag nach der Ankunft beginnt für die 17-Jährige und ihren 15-jährigen Bruder die Arbeit in der Fabrik. Die 45-jährige Mutter muss im Lager die Baracken säubern. Von nun an bestimmen Angst, Brutalität, Demütigungen und Gewalt ihren Alltag. Ein halbwüchsiger Junge, der zu fliehen versucht, wird zur Abschreckung von der Wachmannschaft mit Gummiknüppeln zu Tode geprügelt.

Der Bruder beginnt, unter schweren Depressionen zu leiden. Er erkrankt an einer Lungenentzündung. "Nach drei Tagen war er tot. Die russische Krankenschwester im Lager sagte, er bräuchte dringend Medikamente. Geholfen hat ihm niemand", erinnert sich die Schwester. Die Mutter kann den Tod des Sohnes nicht verwinden. Sie begeht einen Selbstmordversuch und wird in die Psychiatrie eingewiesen. Dort wird sie misshandelt und stirbt. Die Amerikaner befreien schließlich das Lager.

Heute lebt die zierliche Frau in einem tristen und verwitterten Plattenbaubezirk am südlichen Rand von St. Petersburg, in der Nähe des Flughafens Pulkova. Der Fluglärm macht oft jedes Gespräch zunichte. Ihr Zimmer teilt sie sich mit ihrem 17-jährigen Enkel Maxim, das zweite Zimmer der Wohnung gehören der 45-jährigen Tochter mit Ehemann. Eine eigene Wohnung hat Antonina nie gehabt. Nachdem sie das Repatriierungslager des NKWD durchlaufen hatte, war sie abgestempelt als Volksfeindin. Jede höhere Bildung war für sie ausgeschlossen, ebenso wie Auslandsreisen.

Doch das sind die Sorgen von gestern. Weitaus mehr bedrückt sie der Alltag von heute. Antonina erhält 714 Rubel Rente im Monat, umgerechnet 55 Mark. "Davon gehen jeden Monat 400 Rubel für die Wohnung, Heizung, Strom und Telefon weg", sagt sie. Selbstverständlich begleicht sie allein diese Kosten, denn die Tochter ist seit mehren Monaten arbeitslos. Ihr Schwiegersohn, ein ehemaliger Atomtechniker, war bei Aufräumarbeiten in Tschernobyl im Einsatz. Seitdem leidet er an Magengeschwüren und ist arbeitsunfähig. So richten sich die Hoffnungen der Familie auf den 17-jährigen Maxim, der jetzt, nach dem Sommer, mit einem Informatik-Studium beginnen will.

1995 unter der Regierung Kohl hat Antonina schon einmal eine Entschädigungszahlung in Höhe von 1164 Mark erhalten. Das Geld ist längst aufgebraucht, für einige notwendige Hausgeräte und Geschenke für die Kinder und Enkel. Nun hofft sie erneut auf einen kleinen Geldsegen aus Deutschland. Über die Verhandlungen zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter ist sie gut informiert, durch die Menschenrechtsorganisation "Memorial". Diese Gruppe, gegründet 1987 von dem Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow, widmet sich eigentlich der historischen Aufarbeitung des Stalin-Terrors. "Seit 1994 helfen wir aber auch den Zwangsarbeitern bei der Beschaffung der notwendigen Dokumente", sagt Vladimir Schnittge, der Leiter der Petersburger Sektion von "Memorial". Bis heute sind die ehemaligen Zwangsarbeiter in Russland nicht offiziell rehabilitiert und oftmals als Volksfeinde verschrien. Kein Wunder, dass die Beamten in den KGB-Archiven nur wenig hilfsbereit sind. Wer zur Sklavenarbeit nach Deutschland verschleppt wurde, muss nachweisen können, dass er bei der Rückkehr in die Heimat eines der so genannten Filtrationslager durchlaufen hat. Diese Dokumente müssen der Stiftung für Aussöhnung und Verständigung vorgelegt werden, die in Russland mit der Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter betraut ist.

Insgesamt sind in der russischen Föderation laut Angaben der Stiftung zirka 370 000 Menschen anspruchsberechtigt. Hiervon haben nach Schätzung von Vladimir Schnittge jedoch 20 000 Probleme mit der Dokumentenbeschaffung. Es ist ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit. "Von den 350 alten Menschen, die ich betreut habe, sind schon 50 tot", sagt die "Memorial"-Mitarbeiterin Marxena Nikiforowa. Antonina Pavlova, der 5000 Mark Entschädigung zustehen, findet ohnehin, dass alles viel zu spät kommt. "Unser Leben ist vorbei", sagt die alte Frau. Deshalb will sie das Geld ihren Kindern zukommen lassen, besonders ihrem Enkel Maxim. Er soll sich dafür einen Computer für das Informatik-Studium kaufen.

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