• NS-Zwangsarbeiter: Wer jetzt nicht zahlt, hat Unrecht - Die Katholische Kirche und die Entschädigung (Kommentar)

Politik : NS-Zwangsarbeiter: Wer jetzt nicht zahlt, hat Unrecht - Die Katholische Kirche und die Entschädigung (Kommentar)

Christian Böhme

Schweigen kann ein Eingeständnis von Schuld und eigenen Versäumnissen sein. Zum Beispiel, wenn Menschen anderer Hautfarbe fast totgeprügelt werden. Wenn, wie vor wenigen Tagen in Ludwigshafen geschehen, ein Anschlag auf ein Asylbewerberheim verübt wird. Sagt auch die katholische Kirche. Stimmt. Aber deren höchstes Gremium, die Deutsche Bischofskonferenz, ist auffallend ruhig, wenn es um die eigene Vergangenheit im Dritten Reich geht. Da gibt es Gedächtnislücken, Unwissen und zuweilen eine eigenwillige Interpretation der Fakten. Jüngstes Beispiel: die Beschäftigung von Zwangsarbeitern während der NS-Zeit.

Die katholische Kirche hat (ebenso wie die evangelische Kirche) Menschen aus Osteuropa ausgebeutet, sei es in Berlin oder im Kloster Ettal. Das kann niemand mehr guten Gewissens leugnen. Dennoch wird weiter vom Sprecher der Bischofskonferenz abgewiegelt. Man wolle zunächst einmal die Fälle prüfen und dann entscheiden, wie weiter zu verfahren sei. Erst auf dieser Grundlage könne über eine Beteiligung am Entschädigungsfonds nachgedacht werden. Das kann dauern, womöglich zu lange. Die Reputation dieser moralischen Instanz könnte bis dahin ernsthaften Schaden genommen haben. Denn bei der Entschädigung geht es um die moralische Verantwortung aller Deutschen für ein einzigartiges Verbrechen. Dazu gehört auch die katholische Kirche. Doch von ihr fehlt bisher das entsprechende Signal.

Moralische Instanz

Die evangelische Kirche war da etwas klüger. Vor einigen Tagen hat sie sich bereit erklärt, zehn Millionen Mark in den Entschädigungsfonds einzuzahlen. Spät fiel diese Entscheidung, aber wohl noch nicht zu spät. Denn die EKD räumt mit dem überfälligen Schritt ein, sich damals schuldig gemacht zu haben und dafür auch die moralische Verantwortung tragen zu wollen. Ein hoffnungsvolles, ein notwendiges Zeichen.

Bislang ist die Führung der katholischen Kirche ihrer Aufgabe, Vorbild für die Gesellschaft zu sein, nicht sonderlich gerecht geworden. Sie war es sogar, die erstmals in der quälend langen Debatte über die Entschädigung Parteipolitik ins Spiel brachte. Otto Graf Lambsdorff hatte sich dafür ausgesprochen, dass sich die katholische Kirche am Stiftungsfonds beteiligt. Die Antwort war eine hinterhältige und zugleich historisch untragbare Gegenfrage: Zahlt die FDP auch schon ein? Die Empörung des Grafen - und er ist nicht der Einzige - über solche Art von Ablenkung von eigener Schuld und Unzulänglichkeit ist gerechtfertigt. Die katholische Kirche war - von rühmlichen Ausnahmen wie Bischof Galen, der die Euthanasie geißelte, abgesehen - als Ganzes nicht gerade ein Hort des Widerstands während des Dritten Reiches. Früh suchten die damals Verantwortlichen den Schulterschluss mit dem Regime, das Reichskonkordat von 1933 ist nur ein Beispiel dafür. Während des Zweiten Weltkrieges fehlte es nicht an Treuebezeugungen für das untergehende Unrechts-Regime und dessen Führer.

Schuld und Sühne

Dass die katholische Kirche als Institution sich zu ihrer oftmals unrühmlichen Vergangenheit allzu willig bekannt habe, wird keiner ernsthaft behaupten wollen. In den Hirtenbriefen und anderen Erklärungen über die NS-Zeit ist zwar von Verstrickung die Rede. Aber im gleichen Atemzug wird auch betont, dass Kirche und Glaube starke Kräfte im Widerstand gewesen seien. So etwas aber wie das Stuttgarter Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche hat es von katholischer Seite bisher nicht gegeben. Umso schwerer wiegt jetzt die ausgesprochen zögerliche Haltung bei der Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern.

Was würden die deutschen Bischöfe Kirchenmitgliedern und anderen Bundesbürgern empfehlen, wenn die fragten: Sollen wir 20 Mark für die Entschädigung spenden, wie es der Schriftsteller Günter Grass, die Journalistin Carola Stern und der Pädagoge Hartmut von Hentig vorgeschlagen haben? Schweigen kann nicht die Antwort sein.

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