Politik : NS-Zwangsarbeiterentschädigung: Günter Grass: Jeder Deutsche soll 20 Mark geben

Ch.B./ale/ry/rfi

Verschiedene Politiker haben den Aufruf des Schriftstellers Günter Grass, der Journalistin Carola Stern und des Pädagogen Hartmut von Hentig begrüßt, dass jeder erwachsene Deutsche 20 Mark für die NS-Zwangsarbeiter spenden soll. Dem Tagesspiegel sagte der Regierungsbauftragte für die Entschädigung von Zwangsarbeitern, Otto Graf Lambsdorff, der Vorschlag sei "brauchbar", um die Gesamtverantwortung der Deutschen deutlich zu machen. Ob es bei den Bundesbürgern die Bereitschaft zu so einer Spende gibt, wollte der FDP-Politiker nicht vorhersagen.

Rezzo Schlauch, Fraktionschef der Grünen, und Michel Friedman, CDU-Politiker und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßten den Aufruf. FDP-Generalsekretär Guido Westerwellle will sich selbst mit einer Spende an der Aktion beteiligen. Schlauch und Friedman betonten aber auch, dass durch die begrüßenswerte Initiative keineswegs die deutsche Wirtschaft aus ihrer Verantwortung entlassen werden dürfe.

Grass, Stern und von Hentig veröffentlichten ihren Spendenappell in der "Frankfurter Rundschau". Es gehe auch um die Benennung von Unrecht und die Bitte um Vergebung, begründeten sie ihren Vorstoß. "Uns beunruhigt die Vorstellung, dass die letzten Zwangsarbeiter sterben, ohne dass sie dieses Zeichen erreicht." Die Prominenten bezeichneten es als "peinlich", dass die Wirtschaft "nur einen winzigen Bruchteil des den ehemaligen Zwangsarbeitern Geschuldeten an diese oder ihre Angehörigen zahlt". Nicht nur Firmen, Regierungen und Verbände, sondern auch alle erwachsenen Deutschen sollten den Überlebenden durch eine Geste zu verstehen geben, dass ihnen das Unrecht bewusst sei. Der Historiker Wolfgang Benz bezweifelt, dass sich die Deutschen angesprochen fühlen. "Sie werden sich belästigt fühlen."

Unterdessen versucht die Evangelische Kirche in Deutschland, mehr über die eigene Beschäftigung von Zwangsarbeitern herauszubekommen. Wie berichtet, belegt eine Pilotstudie des Historikers Harald Jenner, die am Mittwoch an das Diakonische Werk übergeben wurde, dass in mehreren Einrichtungen des Diakonischen Werkes in Hamburg und Schleswig-Holstein Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Am Mittwoch verdichteten sich die Hinweise auch auf eine Beschäftigung von Zwangsarbeitern durch die katholische Kirche in Berlin.

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