• NS-Zwangsarbeiterentschädigung: Im Namen der Nächstenliebe? Auch die Kirchen profitierten von der NS-Zwangsarbeit (Kommentar)

Politik : NS-Zwangsarbeiterentschädigung: Im Namen der Nächstenliebe? Auch die Kirchen profitierten von der NS-Zwangsarbeit (Kommentar)

Christian Böhme

Ja, auch die Kirchen. Ja, auch diejenigen, die von der Kanzel herab Nächstenliebe predigten, haben während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter beschäftigt, für sie eigene Lager errichtet und akribisch über ihren Einsatz Buch geführt. Im Berliner Bezirk Neukölln hielt die evangelische Kirche zum Beispiel 100, überwiegend russischsprachige Menschen gefangen, die zwischen 1943 und 1945 auf Friedhöfen Gräber ausheben mussten. Im ganzen damaligen deutschen Reich werden es Tausende gewesen sein.

Für viele mag das eine überraschende und verstörende Nachricht sein. Verstörend - das ist berechtigt, denn immerhin gehören evangelische und katholische Kirche bis auf den heutigen Tag zu den am besten beleumundeten gesellschaftlichen Institutionen. Überraschen braucht das späte Eingeständnis aber nicht. Auch die Kirchen waren vom Bischof bis zum Pfarrer - von Ausnahmen abgesehen - ein Teil des nationalsozialistischen Staates. Auch sie litten zwischen 1933 und 1945 an einer kollektiven Charakterschwäche namens Mitmachen. Dazu gehört das millionenfache Ausbeuten menschlicher Arbeitskraft.

Das Beispiel evangelische Kirche als Wirtschaftsbetrieb zeigt einmal mehr, dass Zwangsarbeit im Dritten Reich nicht die Ausnahme war, sondern die bedrückende Regel, ja ein Massenphänomen. Insofern ist der Aufruf von Günter Grass, Carola Stern und Hartmut von Hentig aller Ehren wert. Die drei schlagen vor, jeder erwachsene Deutsche solle 20 Mark zahlen, um damit das Leiden der Zwangsarbeiter anzuerkennen, das ihnen im Namen des deutschen Volkes angetan worden ist. Fraglich ist jedoch, ob viele Bundesbürger dazu bereit sein werden. Die Mehrheit wird argumentieren: Wir haben doch schon so viel getan. Das stimmt zwar. Aber das war eben die Pflicht. Die 20-Mark-Aktion könnte die wünschenswerte Kür werden. Und auch wenn die Bundesdeutschen kaum Geld spenden, hat die Initative von Grass ihren Sinn: Dann dokumentiert sie, schwarz auf weiß, dass eine Kür unerwünscht ist.

Eines bedeutet der Aufruf von Grass und Co. auf keinen Fall: dass sich die Unternehmen aus ihrer Verantwortung stehlen können. Sie müssen zahlen, weil sie zuvorderst von Zwangsarbeit profitierten. Wer sich wegduckt, auf den muss der Finger zeigen. Auch das könnte eine Art Kür sein.

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