• NS-Zwangsarbeiterentschädigung: Kartoffelkeller und Kohlenschuppen - Wofür die Kirche in Berlin Zwangsarbeiter einsetzte

Politik : NS-Zwangsarbeiterentschädigung: Kartoffelkeller und Kohlenschuppen - Wofür die Kirche in Berlin Zwangsarbeiter einsetzte

Bernhard Bremberger

Am 13. Mai 42 schrieb Herr Dr. Kinkel, der Finanzbevollmächtigte für die Jerusalems- und Neue Kirchengemeinde an die Baupolizei: "Um die notwendigsten Bestattungsarbeiten auf den Friedhöfen erledigen zu können, haben sich 27 Kirchhofsverwaltungen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen und mich mit deren Vertretung beauftragt. Da die deutschen Arbeiter zur Wehrmacht eingezogen sind, wird das Arbeitsamt als Ersatz nur ausländische Arbeitskräfte zuweisen. In Ermangelung anderer geeigneter Möglichkeiten müssen die Ausländer in Baracken untergebracht werden ..."

Der beigefügte Lageplan zeigt den Standort des Lagers, dort wo der über den Friedhof laufende Grüne Weg auf die Netzestraße stieß. Es wurden die von der Charlottenburger Firma Karl Burgsmüller angebotenen "Kombinierten Wohn- und Waschbaracken" benutzt. Dr. Dr. Kinkel legte am 10. Oktober 1942 Einspruch dagegen ein, dass das Lager spätestens sechs Monate nach Kriegsende wieder zu beseitigen sei, denn: "Die Baracken werden für die Arbeiter auf Berliner Friedhöfen nicht nur für die Dauer des Krieges, sondern auch darüber hinaus benötigt."

Durch Luftangriffe zerstört

Immerhin waren Anschlüsse für Gas, Wasser und Strom geplant, und auch ein Fernsprecher war angeschlossen. Die Baracken wurden betrieben. Ich hatte der Gemeinde vor sechs Wochen ein Dokument zukommen lassen, aus dem hervorgeht, dass am 13. Juni 1943 ein ukrainischer Arbeiter im Lager Hermannstraße 84-90 an Herzschlag verstorben war. Noch im Februar 1944 beantragte Lagerführer Weniger den Bau eines Kartoffelkellers und eines Kohlenschuppens. Mindestens eine der Baracken wurde durch Luftangriffe zerstört, das genaue Datum ist noch nicht ermittelt. Auch nicht, ob und wie die Zwangsarbeiter überlebt haben.

Am 12. August jedenfalls beantragt der Finanzbevollmächtigte Kinkel eine "Wiedereinrichtung einer Wohnbaracke für 100 Mann in Fertigbauteilen in Holzbauweise nach dem Normalbarackentyp". Er betont (und das war in diesen Zeiten für Bauvorhaben wichtig), dass keine zusätzlichen Arbeitskräfte erforderlich seien, "da eigene Friedhofsarbeiter (Ostarbeiter) vorhanden".

Nach Kriegsende entfernt

Als Fläche werden 325,6 Quadratmeter angegeben, die Baukosten beliefen sich auf RM 32 200. Diesmal sind auch Deckungsgräben für 100 Personen eingeplant, die auf der mir vorliegenden Luftaufnahme gut zu erkennen sind. Am 13. November 1945, pünktlich ein halbes Jahr nach Kriegsende, schloss das Bauamt die Akte mit dem Vermerk: "Die Baracken sind bereits wieder entfernt. Baupolizeilich nichts weiter zu veranlassen."

Als ich mich vor wenigen Tagen auf die Spurensuche machte, konnte ich wenig entdecken. Dort befindet sich eine Müllkippe, alte Grabsteine, Mauer- und Betonreste liegen dort. Etliche Neuköllner benutzten das Gelände, um ihre Hunde frei auslaufen zu lassen und sagten mir, sie hätten keine Ahnung davon, dass sich dort einmal ein Zwangsarbeiterlager befunden habe.

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