Semiya Simsek war die Erste, die sie verstand

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NSU-Mord an Mehmet Kubasik : Das Leben mit dem Schmerz
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Freundin fürs Leben: Semiya Simsek, deren Vater Enver das erste Mordopfer war.
Freundin fürs Leben: Semiya Simsek, deren Vater Enver das erste Mordopfer war.Foto: Doris Spiekermann-Klaass

Beim ersten Mord im Jahr 2000 an Enver Simsek konnte die Polizei noch nicht ahnen, dass sich alle folgenden Taten sehr ähneln würden. Wieder wurde mit einer Pistole tschechischen Fabrikats geschossen, wieder wurde aus kurzer Distanz auf den Kopf gezielt, und wieder war das Opfer ein Kleinunternehmer mit ausländischen Wurzeln. Die Ermittler haben viele Vermutungen, Familienstreit, Drogenmafia, religiöse Konflikte. Aber auch in diesem Fall wird, wie bei allen anderen, die Spur Fremdenfeindlichkeit nicht ernsthaft verfolgt. Tatverdächtig bleiben dagegen die Kubasiks selbst. Und nicht nur das.

Ganz Dortmund weiß in wenigen Tagen, dass die Polizei Mehmet Kubasik für einen Drogendealer hält. Gamze Kubasik schließt sich ein Jahr zu Hause ein und weigert sich, auf die Straße zu gehen. Sie sagt heute: "Alle haben schlecht über ihn geredet. Sie haben ihn nicht nur ermordet, sie haben ihm seine Menschlichkeit genommen. All das Positive, was er ausstrahlte und was er besaß, sollte plötzlich nicht mehr existiert haben."
Sie ist 21, als der Vater aus ihrem Leben gerissen wird. Sie spaltet ihre Persönlichkeit auf. Der sichtbare Teil von ihr übernimmt noch mehr Verantwortung, sie muss sich um die Mutter kümmern und um die beiden Brüder. Jahrelang ist sie diejenige, die zu Elternsprechtagen geht, die die Klassenarbeiten ansieht oder die Zeugnisse unterschreibt. Zwischendurch ist sie sechs Monate in der Türkei, im Dorf ihres Vaters. Der Freund, den sie heiraten wird, will, dass sie in der Türkei bleibt. Aber sie hält es dort nicht aus. Sie sagt: "Meine Heimat ist Deutschland." Ihr Mann zieht mit ihr nach Dortmund.

Sie hat jetzt lauter Rollen: Ehefrau, Familienoberhaupt, Vaterersatz für die Geschwister und Vorkämpferin für eine These, die sich erst im November 2011 bewahrheiten soll. "Ich habe immer daran geglaubt, dass es Rechtsextremisten sein mussten, aber das wollte ja niemand wahrhaben."

An dieser Stelle, irgendwann im Spätsommer 2006, verzahnen sich die Geschichten von drei Hinterbliebenen der Neonazi-Mordserie. Das Telefon klingelt im Hause Kubasik, der Vater des nur zwei Tage nach dem Mordanschlag auf Mehmet Kubasik getötete Halit Yozgat ist am Apparat. Die Mutter stellt auf Lautsprecher, aber niemand versteht, was der Mann sagt. Er schreit und weint, bis seine Ehefrau den Hörer nimmt und für ihn spricht. Man wolle, sagt sie, eine Demonstration organisieren, weil man glaube, dass die Polizei einen ausländerfeindlichen Hintergrund nicht sehen will.

Auch die Mutter von Gamze Kubasik versucht nun, andere für diese Idee zu gewinnen und telefoniert alle Opferfamilien ab. Eine Ehefrau sagt zu ihr: "Wie kannst du deinem Mann noch schützen nach all' den Vorwürfen." Offensichtlich glauben selbst manche Hinterbliebenen eher der Polizeitheorie.

Es kommen nur drei der Angehörigen. Aber bei der Demonstration lernt Gamze Kubasik zum ersten Mal jemand kennen, der sie wirklich verstehen kann. Die junge Frau rennt mit den Worten auf sie zu: "Gamze, auch dein Vater hätte nicht sterben müssen." Es ist Semiya Simsek, die vor wenigen Tagen ihr Buch "Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater" veröffentlicht hat. Die beiden fühlen wie Schwestern, und ihre Geschichten und inneren Kämpfe ähneln sich. Es ist kein Zufall, dass bei der offiziellen Gedenkfeier für die Opfer und Angehörigen der Neonazi-Mordserie im Februar 2012 die Redner Simsek, Kubasik und Yozgat heißen.
Bis heute sind diese Drei bis auf ganz wenige Ausnahmen die einzigen, die öffentlich sprechen und den Opfern eine Stimme geben. Für die Tochter von Mehmet Kubasik ist es eine Erleichterung, ihre öffentlichen Auftritte, der gemeinsame Kampf für die Opfer, macht sie stark. Sie sagt: "Darüber zu reden und zu berichten, was geschehen ist, ist auch eine Art Therapie. Vielleicht ist es meine Art." Jedenfalls hält es die Dämonen in ihr einigermaßen in Schach.

BKA veröffentlicht Urlaubsbilder der Zwickauer Mörderbande
08.05.2012: Bei den Ermittlungen zur Nazi-Terrorzelle NSU hat das Bundeskriminalamt einen neuen bundesweiten Fahndungsaufruf gestartet. Die Ermittler veröffentlichten am Dienstag Urlaubsbilder der inzwischen toten Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie ihrer mutmaßlichen Komplizin Beate Zschäpe. Hier sitzen Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe anscheinend in einem Campingwagen.Weitere Bilder anzeigen
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08.05.2012 21:2208.05.2012: Bei den Ermittlungen zur Nazi-Terrorzelle NSU hat das Bundeskriminalamt einen neuen bundesweiten Fahndungsaufruf...

Sie engagiert sich fortan immer wieder politisch, redet auf Gewerkschaftstagen, wählt als Vertreterin für die Grünen in der Bundesversammlung den Bundespräsidenten mit und gibt immer wieder Interviews, in denen sie mahnt, die auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel versprochene Aufklärung müsse endlich erfolgen.

Das ist die starke Seite von ihr. Aber einmal, auf einer Veranstaltung zur Erinnerung an den Nationalsozialismus, steht plötzlich ein alter Mann vor Gamze Kubasik und ihrer Mutter. Er sagt zur Mutter: "Sie haben es leichter. Ihre Tochter dagegen ist nach außen stark, aber wenn sie nach Hause kommt, weint sie." Gamze Kubasik ist irritiert, niemand hat ihre Situation bisher so genau auf den Punkt bringen können, und nun macht das ausgerechnet ein fremder Mann. Sie schweigt, aber sie ist auch erleichtert, weil die Mutter nun weiß, wie es um ihre Tochter steht. Sie hätte es ihr selbst nicht gesagt, aus Angst, ihr noch mehr Kummer zu bereiten.

Gamze Kubasik erzählt in ihrer Wohnung von Tagen, an denen sie sich dafür schämte, dass sie fröhlich war oder gelacht hat. Wenn sie mit Freunden ausgeht, schweifen ihre Gedanken immer wieder ab, und sie kann der Unterhaltung nicht folgen. Oft wird ihr in der U-Bahn plötzlich heiß, weil sie sich verfolgt fühlt. Wie aus dem Nichts steigt Panik in ihr hoch. Sie hadert dann mit sich und macht sich selbst Vorwürfe, dass sie nicht normal leben und keinen Schlussstrich ziehen kann.

Sie sagt: "Ich weiß nicht, was mir helfen würde, meinen Schmerz zu überwinden." Sie weiß nur, dass sie Beate Zschäpe beim Prozess in die Augen sehen will.

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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