NSU-Prozess - 176. Tag : Was in der Keupstraße in Köln geschah

Am 176. Tag des NSU-Prozesses in München schildern Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße, wie sie das Ereignis bis heute traumatisiert.

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Die Angeklagte Beate Zschäpe (M) steht am 20.01.2015 im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern) zwischen ihren Anwälten Anja Sturm (l) und Wolfgang Heer (r) zu sehen.
Die Angeklagte Beate Zschäpe (M) steht am 20.01.2015 im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern) zwischen ihren...Foto: dpa

Der Anschlag ist mehr als zehn Jahre her, doch die meisten Opfer leiden noch heute – und jetzt erst recht, da sie vor Richtern, Anwälten und Angeklagten öffentlich auftreten und ihre Erinnerung darlegen müssen. Am Mittwoch haben im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München weitere Zeugen ausgesagt, die am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße waren, als die von den Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt deponierte Nagelbombe explodierte. Selbst wenn die äußeren Verletzungen der Opfer weniger schwer erscheinen, sind die seelischen Folgen oft gravierend. Mit Qualen in schmerzhaften Intervallen.

   Sie sei 2004 „in einer sehr schlechten psychischen Verfassung gewesen“, sagt 47-jährige Emine K. Sie hatte sich am Tag der Tat im Geschäft ihres Bruders aufgehalten, in der Nähe hatten Mundlos und Böhnhardt das präparierte Fahrrad mit 5,5 Kilo Sprengstoff und Hunderten Zimmermannsnägeln abgestellt. Bei dem Anschlag wurden 22 Menschen verletzt, die Keupstraße sah aus wie ein Schlachtfeld. Emine K. stand zufällig so,  dass sie von den fliegenden Nägeln und Splittern verschont blieb, der starke Knall schädigte allerdings ihr rechtes Ohr.  Doch schlimmer ist das, was sich  heute  in ihrem Kopf abspielt. Halbtaub war sie auf die Straße gelaufen und hatte versucht, einem Mann zu helfen, dessen Beine brannten. Sie kann es nicht vergessen.

Im Saal herrscht eine schwere Stille

   Auch in den Jahren nach 2004 ging es Emine K. kaum besser, „wegen meiner Probleme mit der Konzentration wurde ich bei Vorstellungsgesprächen nicht genommen“. Die kleine Frau mit dem silberfarbenen Kopftuch spricht auch von Schlafstörungen, „ich habe fürchterliche Alpträume“. Als im November 2011 der NSU aufflog und herauskam, wer in Köln gebombt hatte, hätten die psychischen Beschwerden noch „erheblich zugenommen“, sagt sie. Eine Therapie half nur vorübergehend. In den Wochen vor dem Prozess litt sie noch einmal stärker, „da wird in den Medien soviel berichtet und ich stellte bei mir eine enorme Verschlechterung fest“. Die neben Emine K. sitzende Anwältin streicht ihr über den linken Arm. Für ein paar Sekunden hängt eine schwere Stille im Saal A 101.

     Den Juwelier Metin I. trifft das Inferno ebenfalls jetzt noch. „Wenn ich auf der Keupstraße bin und sehe ein Fahrrad vorbeifahren, dann denke ich, es könnte wieder passieren, ich laufe rein“, sagt der 58-Jährige. Drei Nägel hatten ihn getroffen, doch Metin I. hatte noch Glück, es blieb bei Schürfwunden. Und seit dem Knall hört er auf dem rechten Ohr deutlich schlechter. „Ich habe weitergearbeitet, ich kann nicht zuhause sitzen, dann geht es psychisch noch schlimmer“, sagt der gealtert wirkende Mann. Und er klagt, nach dem Anschlag in der Keupstraße seien „die Geschäfte sehr zurückgegangen“, noch heute hätten sich die Einzelhändler nicht ganz erholt.

Wie in Trance

    Ein jüngerer Zeuge hat die Tat besser verkraftet – scheinbar. Er sei damals „wie in Trance“ gewesen, sagt der 29 Jahre alte Fatih K. Der Bürokaufmann hatte eine Verletzung am Hinterkopf und an der Nase, außerdem plagen ihn seit dem Anschlag Entzündungen im Ohr. Doch auf die Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl nach psychischen Beschwerden winkt Fatih K. ab. Mit einer schrecklichen Begründung. Er habe nach dem 9. Juni 2004 noch ganz andere Schicksalsschläge erlebt, „ich verlor  meinen Vater“. Da sei die Erinnerung an den Anschlag „in den Hintergrund gerückt“.

    Unter den Opfern befand sich auch ein deutscher Rentner. Gerd H. war mit dem Fahrrad unterwegs, als es knallte. „Ich bekam Angst und einen furchtbaren Schmerz in meinen Ohren“, sagt der 78-Jährige, „das war unbegreiflich schlimm“. Er hat weiterhin Probleme mit den Ohren, er hört rechts schlecht und ein Tinnitus rauscht ständig im Kopf. „Die Belastung geht mal hoch, mal runter“, sagt Gerd H. Pause. „Wenn etwas aufgewühlt wird, steigert es sich“.

    Am Dienstag hatten bereits Opfer ausgesagt, die der Anschlag noch härter getroffen hatte. Ein türkischstämmiger Mann hatte neun Nägel abbekommen – und mehr als 100 Splitter im Gesicht.

 

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