NSU-Prozess : Carsten S. und Holger G. - waren sie wirklich so naiv?

Zwei der Angeklagten im NSU-Prozess haben in dieser Woche Geständnisse vorgetragen. Doch die Aussagen der beiden zu den eigenen Tatmotiven wirken äußerst naiv - und wecken Zweifel.

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Carsten S. vor dem Münchener Oberlandesgericht.
Carsten S. vor dem Münchener Oberlandesgericht.Foto: dpa

Carsten S. erinnert sich gut. Wie er in den 1990er Jahre in Jena mit Freunden aus der rechten Szene Dönerbuden demolierte und auf zwei Männer eintrat, die es gewagt hatten, einen Kumpel abfällig als „Nazi“ zu bezeichnen. Carsten S. weiß auch noch, dass Holger G. zum Milieu dazugehörte und mit einer seltsamen Marotte auffiel. „Er rauchte zwischen zwei Brötchenhälften eine Zigarette“, sagt Carsten S., „so was hatte ich vorher nicht gesehen“. Und G. selbst hat noch vor Augen, wie er zu DDR-Zeiten in Jena als Punk herumlief, wie er 1989 „von der Schule gegangen wurde“ und bald darauf zu den Rechtsextremen stieß. Und mitmachte im „Nationalen Widerstand Jena“. Die beiden Männer erzählen typische Ost-Nazi-Geschichten, abstoßend, auch makaber und banal, aber schlüssig. Bis auf ein Detail. Da erscheint dann seltsam, was Carsten S. und Holger G. von sich geben.

Die beiden Angeklagten im NSU-Prozess haben diese Woche Geständnisse vorgetragen, die Zweifel wecken. Carsten S. und Holger G. geben vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München alle Taten zu, die ihnen die Bundesanwaltschaft vorwirft, außerdem belasten sie die Mitangeklagten Ralf Wohlleben – ihn stärker – und Beate Zschäpe. Doch die Angaben von S. und G. zu den eigenen Tatmotiven wirken derart naiv, dass die beiden sich entweder als Deppen entlarvt haben oder aber eine Strategie ihrer Verteidiger befolgen, jeden Hinweis zu vermeiden, vorsätzlich eine mörderische Terrorzelle unterstützt zu haben. Um ein erhöhtes Strafmaß zu vermeiden.

Immerhin hat Carsten S. im Jahr 2000 dem NSU die Pistole Ceska 83 übergeben, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Migranten erschossen. Die Bundesanwaltschaft nennt das Beihilfe zum neunfachen Mord. Holger G. überließ den ihm ähnlichen sehenden Böhnhardt Reisepass und Führerschein. Damit konnte Böhnhardt die Wohnmobile mieten, mit denen er und Mundlos zu Mordanschlägen und Raubüberfällen fuhren. Die Bundesanwaltschaft spricht von Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Auch das könnte eine hohe Strafe bedeuten.

 

Carsten S. sagt, er konnte sich nicht vorstellen, wofür Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Untergrund eine Waffe benötigten. Und einen Schalldämpfer. „Ich habe in Erinnerung, dass damit nichts Schlimmes passieren wird“, sagt S., „ich hatte so’n persönliches Gefühl zu den dreien: die sind in Ordnung“. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl fragt nach, doch S. bleibt bei seinen Angaben. Und wird zunehmend wortkarg. Schließlich bittet sein Verteidiger am Mittwoch den Strafsenat, den Prozesstag abzubrechen. Götzl überlegt, dann knurrt er „na gut“.

 

Ermordet aus reinem Hass - Die Opfer des NSU
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Am Donnerstag liest Holger G. sein schriftlich formuliertes Geständnis vor. „Ich war naiv und bescheuert, denen meinen Führerschein zu geben“, sagt er. Dass ihn die Untergetauchten für Straftaten nutzen könnten, habe er „nie im Leben gedacht“. Fragen zum Geständnis lassen die Verteidiger nicht zu. Holger G. wirkt nach seiner „Erklärung“ aufgewühlt, womöglich würde er jetzt Antworten geben, die ihn zusätzlich belasten. Richter Götzl will eigentlich weiter verhandeln. Dann sagt er wieder „na gut“.

 

Unabhängig von der Frage, ob Carsten S. und Holger G. die Naivität nur spielen, wird bei den Aussagen erkennbar, wie labil die beiden waren, als sie in die rechte Szene trudelten. Carsten S., der seine Homosexualität unterdrückte, der von Mitschülern als „Mädchen“ gehänselt wurde und seine Komplexe mit dem braunen Männerkult überwinden wollte, fühlte sich im rechten Milieu erstmals respektiert, „da ging’s mir gut“. Also gehorchte er, als der Mitangeklagte Ralf Wohlleben, damals schon ein Szeneanführer in Jena, ihn anwies, mit den 1998 in den Untergrund gegangenen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe konspirativen Kontakt zu halten. Und S. parierte, als die zwei Uwes ihm die „Order“ erteilten, eine Waffe zu besorgen, „möglichst ein deutsches Fabrikat“.

 Holger G., der in der DDR als Punk angeeckt war und sich erst in den 1990er Jahren bei den Neonazis anerkannt fühlte, sagt vor Gericht, „ich habe es damals als Ehre empfunden, mit den Uwes befreundet zu sein“. Er hatte das Gefühl, „zu einer starken Gruppe zu gehören“. Den bewaffneten Kampf habe er jedoch abgelehnt. Dass er den aber mit seiner Hilfe für den NSU unterstützte und nicht nur dazu beitrug, das schiere Überleben im Untergrund zu sichern, will ihm nicht bewusst gewesen sein.

 Kommende Woche wird der Strafsenat die Vernehmung von Carsten S. und Holger G. fortsetzen. Danach sind die Prozessparteien an der Reihe. Vor allem die Verteidiger Wohllebens und Zschäpes sowie Anwälte der Nebenkläger werden  die beiden Angeklagten grillen. Mehrere der zum Prozess gekommenen Hinterbliebenen von Mordopfern des NSU haben bereits am Freitag gesagt, sie hielten die von Carsten S. und Holger G. behauptete Ahnungslosigkeit bei ihren Taten für unglaubwürdig. Die Strategie der Bundesanwaltschaft, die schon im Ermittlungsverfahren geständigen S. und G. mit Wohlleben, Zschäpe und André E. vor Gericht zu bringen, damit die zwei redenden Angeklagten die drei verschlossenen glaubhaft belasten, ist noch nicht ganz aufgegangen. 

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