NSU-Prozess in München : War Beate Zschäpe die Finanzchefin der Terrorzelle?

Beim NSU-Prozess muss Beate Zschäpe ihre Pflichtverteidiger behalten. In der Verhandlung schilderte eine Zeugin unterdessen bizarre und belastende Details aus ihren Begegnungen mit der Angeklagten.

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Die Angeklagte Beate Zschäpe beim NSU-Prozess in München.
Die Angeklagte Beate Zschäpe beim NSU-Prozess in München.Foto: dpa

Es bleibt dabei: Beate Zschäpe muss im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München weiterhin mit ihren drei Pflichtverteidigern auskommen. Die Angeklagte habe keine „konkreten und hinreichenden Anhaltspunkte“ für eine Störung des Vertrauensverhältnisses genannt, sagte am Dienstag der Vorsitzende Richter des 6. Strafsenats, Manfred Götzl. Der Satz  ist Teil einer Verfügung des Senats vom Montag, die Götzl nun vortrug. Zschäpe hatte, wie berichtet, am vergangenen Mittwoch in einer Verhandlungspause einem Polizisten mitgeteilt, sie habe kein Vertrauen mehr in ihre Anwälte Wolfgang Heer, Anja Sturm und Wolfgang Stahl. Der Beamte unterrichtete dann Götzl, der die Verhandlung für den Rest der Woche aussetzte. Ob Zschäpe sich mit ihren Verteidigern wieder zusammengerauft hat, bleibt allerdings offen.

Als Götzl  am Dienstag fragte, ob Zschäpe eine Erklärung abgeben wolle, deutete sie nur ein Kopfschütteln an. Auch Heer, Sturm und Stahl äußerten sich nicht. Im Laufe der weiteren Verhandlung fiel auf, dass Zschäpe im Saal fast nur mit Stahl sprach, auch das eher kurz. Außerdem rückte sie ihren Stuhl nach hinten und saß dann länger im Rücken der Verteidiger.

NSU-Prozess: Zeugen berichtet über Urlaub mit Beate Zschäpe

Ihre steinerne Miene behielt Zschäpe auch bei, als eine junge Zeugin auftrat und mehrmals weinte. Die Studentin hatte mit ihrer Familie Zschäpe und deren Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf einem Campingplatz auf Fehmarn kennengelernt. Mehrere Jahre, zuletzt 2011, verbrachte die Familie den Sommerurlaub gemeinsam mit den drei - ohne etwas vom NSU und dessen Verbrechen zu ahnen. Zschäpe gab sich als „Liese Eminger“ aus, Spitzname „Lieschen“,  Mundlos nur als „Max“ und Böhnhardt als „Holger Gerlach“ mit dem Spitznamen „Gerri“. Böhnhardts Aliasname ist identisch mit dem eines der Mitangeklagten im Prozess, Zschäpes falscher Nachname entspricht dem eines weiteren Angeklagten. Beiden Männern wirft die Bundesanwaltschaft vor, den NSU unterstützt zu haben.

Liese, Max und Gerri seien sehr eng befreundet, zuvorkommend und kinderlieb gewesen, sagte die heute 21 Jahre alte Studentin. Ihre Familie und die drei hätten gemeinsame Ausflüge gemacht, „wir sind zusammen ins Kino gegangen, abends haben wir zusammen gegrillt“, sagte die auch heute noch erschütterte Frau. Als Jugendliche sprach sie mit Liese auch über persönliche Schwierigkeiten, „Pubertätsprobleme“, und bekam Ratschläge. Was Zschäpe empfohlen hat, sagte die Zeugin nicht.

Sie nannte allerdings auch belastende und bizarre Details. Liese habe ein großes Portemonnaie gehabt, voll mit 500-Euro-Scheinen. Bei Max und Gerri sah die Zeugin nie eine Geldbörse. „Große und kleine Sachen“, vom Eis bis zum Einkauf im Supermarkt, habe immer Liese bezahlt. Mit den Angaben stützte die Zeugin die Anklage. Die Bundesanwaltschaft hält Zschäpe für die Finanzchefin der Terrorzelle NSU. Sie soll die Gelder verwaltet haben, die Mundlos und Böhnhardt bei Raubüberfällen erbeutet hatten. Aus Sicht der Bundesanwaltschaft ist das ein Beleg dafür, dass Zschäpe der terroristischen Vereinigung angehörte und somit Mittäterin bei den Morden und weiteren Delikten des NSU war.

Kurzunterricht zum Bau von Bomben

Es gibt allerdings auch Aussagen von Zeugen, die nicht ganz zu dem Vorwurf passten, ausschließlich Zschäpe sei für finanzielle Angelegenheiten zuständig gewesen. Und die Studentin konnte am Dienstag nicht sagen, wer das etwa 2000 Euro teure Schlauchboot mit Motor bezahlt hatte, mit dem Böhnhardt ins Meer hinaus fuhr. Das gilt auch für Ausrüstung zum Surfen, die Mundlos auf Fehmarn kaufte.

Ein bizarres Erlebnis im  Sommerurlaub war eine Art Kurzunterricht zum Bau von Bomben, den Max oder Gerri erteilte. „Das geht ganz einfach“, habe einer der beiden gesagt und Salpetersäure sowie weitere Zutaten genannt, sagte die Zeugin. Das Thema sei an einem Abend kurz vor dem Grillen aufgekommen, „bei irgendwelchen Späßen“.

Wie vertraut die Zeugin und ihre Familie mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt waren, zeigt eine weitere Geschichte. Die junge Frau hatte zu ihrem 17. Geburtstag die drei zu ihrer Feier eingeladen. Sie seien „mit dem Auto zu uns nach Hause gekommen und haben bei uns übernachtet“, sagte die Studentin. Sie erinnerte sich auch an überraschende Besuche der drei, die dann kleine Geschenke dabei hatten.

Als der NSU im November 2011 aufflog und die Verbrechen bekannt wurden, war die junge Frau schwer getroffen. Über die Jahre habe sich eine enge Freundschaft aufgebaut, sagte sie. Die drei seien für sie „fast wie Ersatzeltern“ gewesen. Unter Tränen sagte die Frau, als sie „die Nachricht“  gesehen habe – gemeint waren die ersten Berichte über den NSU – sei für sie „eine Welt zusammengebrochen“. Bis heute könne sie nicht verstehen, „dass man so was macht, ich habe denen hundertprozentig vertraut, dann habe ich gemerkt, dass sie mich von vorne bis hinten belogen haben“. Sie habe sich in eine Therapie begeben müssen und nicht mehr zur Schule gehen können. Zschäpe hörte mit verschränkten Armen zu. Auf Götzls Hinweis, sie könne als Angeklagte auch Fragen stellen, reagierte Zschäpe nicht.

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