Nürnberger Schlachtfeld : Brisante Bewerbung: Der Euro-Skeptiker scheitert

„Die Finanzwalze bedroht uns!“, rief Peter Gauweiler, ewiger Rebell und grollender Euro-Skeptiker. Er wollte sich beim CSU-Parteitag zum Vizevorsitzenden wählen lassen. Ein Erfolg wäre schon in normalen Zeiten eine Sensation gewesen.

von
Gauweiler, der ewige Rebell, wollte sich zum stellvertretenden Parteivorsitzenden wählen lassen.
Gauweiler, der ewige Rebell, wollte sich zum stellvertretenden Parteivorsitzenden wählen lassen.Foto: reuters

Der Spagat kann schmerzhaft sein, wenn man ihn ohne jede Vorbereitung vollführen soll. Die CSU ist an sich eine recht flexible Partei. Aber diesmal tut es weh. Theo Waigel steht auf dem Podium in der Nürnberger Messehalle und fleht seine Parteifreunde regelrecht an. Hinter ihm an der Wand prangt riesengroß der Wahlspruch, den der Generalsekretär Alexander Dobrindt diesem Parteitag verpasst hat: „Auf BAYERN kommt es an!“ Genau so steht der Spruch da, mit Bayern in Großbuchstaben und Rufzeichen hinten dran. In normalen Zeiten würde man ihn einfach übersehen, die normale Funktionärslyrik halt. Diesmal ist es ein Statement.

Theo Waigel redet gegen das Statement an. „Die CSU hat in schwierigster Zeit, gerade was Europa angeht, Verantwortung übernommen“, ruft der Mann, der der Vater des Euro war. „Als alter Europäer bitt' ich Sie ganz herzlich: Verlassen Sie diese Linie nicht!“ Der Parteitag applaudiert, ein starker Beifall, der den besorgten Ton in Waigels Appell ein wenig übertrieben erscheinen lässt. Aber derselbe Parteitag wird etwas später einem anderen mindestens genauso applaudieren, einem im modischen Trachtenjanker, der sich vorstellen wird als „berufsmäßiger Vertreter der Euro-Skeptiker“. Der Beifall ist in diesen zwei Tagen auf dem Nürnberger Messegelände also eher kein zuverlässiger Indikator. Er ist mehr der Versuch, den Schmerz wegzuklatschen, den der Spagat verursacht.

Der Mann im Trachtenjanker trägt den linken Arm in Gips und ansonsten gerne mal das Herz auf der Zunge. Peter Gauweiler ist gleich von Kameras umringt, kaum dass er am Freitag die Halle betritt. Gauweiler, der ewige Rebell, will sich hier – und wäre schon in normalen Zeiten eine kleine Sensation – zum stellvertretenden Parteivorsitzenden wählen lassen. Gauweiler ist die Verkörperung der euroskeptischen Fraktion. Die hat es in der CSU schon immer gegeben, nur war sie, seit Edmund Stoiber in Brüssel zum guten neuen Europäer konvertiert ist, bisher im Wesentlichen auf den General Dobrindt beschränkt. Gauweilers Kandidatur ist eine Drohung. Direkt bedroht ist Peter Ramsauer, Verkehrsminister und bisher einer der vier Stellvertreter des Parteichefs Horst Seehofer. Wenn der Gauweiler einen rauskegelt, dann den Ramsauer, wegen des regionalen Proporzes, der Frauenquote, Ramsauers bisher außerordentlich unauffälliger Handhabung des zeremoniellen Amtes und wegen des Wahlverfahrens, auf das sich der Parteitag einigt: Jeder wird einzeln gewählt, nur Gauweiler und Ramsauer gegeneinander.

Bedroht ist auch, glaubt man besorgten Stimmen aus dem Hintergrund, die Ausrichtung der CSU. Wenn einer wie Gauweiler seine Position künftig nicht mehr von der Seitenlinie verkündet, sondern aus dem Führungszentrum, „dann verschiebt das die Koordinaten“, sagt einer.

Der intellektuelle Prediger einer „Bavarität“ kann der Euro-Skepsis die Stimme geben, die sie bisher nicht hat. Und die Skepsis ist groß, selbst Waigel räumt ja ein, dass die Menschen verunsichert sind im Land von den Rettungspaketen mit ihren Milliardensummen und von diesem Gefühl, dass die da oben die Sache vielleicht doch nicht im Griff haben. Der Kandidat ist sich der Brisanz seiner Bewerbung bestens bewusst. „Auf dem Schlachtfeld gibt es gelegentlich Verlierer“, sagt Gauweiler. Das klingt so mehrdeutig, wie es gemeint sein dürfte.

Was folgt, ist ein Aufmarsch der bayerischen Europäer. Stundenlang bemühen sich viele Stimmen darum, die eine Stimme zu übertönen, die sich anschickt zur Stimme der Zweifelnden da draußen zu werden. Waigel erzählt von den hunderten Milliarden, die die Bundesbank in einer Zeit als Finanzminister in den 90er Jahren auf den Markt geworfen hat, um britisches Pfund und französischen Franc zu stützen. Macht euch nicht ins Hemd wegen der paar hundert Griechenland-Milliarden, soll das heißen. Die Europaabgeordneten der CSU treten Mann um Frau vor und preisen die Vorteile, die Bayern von Europa habe. Sogar Horst Seehofer weiß die Gemeinschaft gar nicht hoch genug zu loben und die CSU als „die Partei Europas“ zu empfehlen.

Lesen Sie auf Seite zwei, warum Seehofer an den Zauberlehrling erinnert.

Seite 1 von 3
  • Brisante Bewerbung: Der Euro-Skeptiker scheitert
  • Seite
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben