Nuklear-Rüstung : Die Zahl der Atomwaffen-Staaten wächst

Barack Obama will für eine Welt ohne Nuklearwaffen kämpfen. Das wird kompliziert: Denn obwohl die Menge der Sprengköpfe weltweit abnimmt, steigt die Zahl der Atomwaffen-Staaten.

Hauke Friederichs

Berlin/HamburgDie Vision des amerikanischen Präsidenten, eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen, beschäftigt rund um den Globus Experten, Politiker und Friedensaktivisten. Barack Obama überraschte am Sonntag mit einem kühnen Plan: "Als die einzige Weltmacht, die schon eine Atomwaffe eingesetzt hat, haben wir eine moralische Verpflichtung zu handeln", sagte Obama unter dem Jubel von mehr als 30.000 Zuhörern in Prag. Er versprach, dass die USA sich um eine weltweite Abrüstung bemühen wollen.

Wie schwierig dies wird, zeigte ein Raketenstart in Nordkorea am Sonntag. Offiziell sollte die Rakete einen Satelliten ins All bringen, Sicherheitsexperten aus Südkorea, Japan und den USA gehen jedoch vom Test eines militärischen Geschosses aus. Obama will wegen der iranischen und nordkoreanischen Aufrüstung am Raketenschirm festhalten, der die USA vor Angriffen mit chemischen, biologischen und atomaren Waffen schützen soll.

Nordkorea und Iran forschen seit langem an der Atombombe. Die Regierung in Pjönjang hat mit einem Test gezeigt, dass sie höchstwahrscheinlich über atomare Sprengköpfe verfügt. Ob diese einsatzfähig sind, bleibt jedoch fraglich. Der Iran hat nach Angaben mehrerer Geheimdienste vom pakistanischen Nuklearforscher Khan Material und Pläne für den Bau von Atomwaffen erhalten. Auch deutsche Firmen sollen Maschinen für das iranische Atomprogramm geliefert haben. Das Land betreibt eine Anlage zur Aufbereitung von Uran. Zudem haben Saudi-Arabien und Ägypten Interesse an der Uran-Anreicherung gezeigt, unter anderem aus der Sorge heraus, das Iran irgendwann eine Bombe hat.

Die Zahl der Atomwaffen-Staaten steigt langsam aber stetig. 1998 bewiesen Indien und Pakistan der entsetzten Weltgemeinschaft, dass die Rüstungsindustrie beider Staaten ihr gefährliches Handwerk beherrscht. Die Regierungen in Neu-Dehli und Islamabad ließen mehrere unterirdische Atombombentests durchführen.

Geheimer geht Israel mit seinen Atomwaffenarsenal um. Offiziell gibt der Staat nicht zu, Nuklearwaffen zu besitzen. Das Land versucht zu verhindern, dass die Nachbarstaaten im Nahen Osten nuklear aufrüsten können. Im September 2007 zerstörten israelische Kampfflugzeuge einen Atomanlage in Syrien, die zur Gewinnung von Uran genutzt worden sein soll. Die syrische Regierung bestreitet das und behauptet, dass atomare Spuren, die in der Ruine festgestellt wurden, von israelischen Bomben stammen.

Indien, Israel und Pakistan weigern sich, dem Atomwaffen-Sperrvertrag beizutreten. Die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China versichern in dem Dokument, keine Nuklearwaffen an Dritte weiterzugeben. Andere Unterzeichnerstaaten versichern, keine Atomsprengköpfe zu produzieren oder zu erwerben. Nordkorea kündigte 2003 den Vertrag, im Jahr zuvor hatte das Land die Inspekteure der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) ausgewiesen und eine heimliche Nuklearrüstung zugegeben.

Als Atomwaffenschwellenländer galten neben Iran lange Argentinien, Brasilien, Libyen, Syrien sowie Südafrika während der Apartheid. Die südamerikanischen Staaten und Libyen haben ihr militärisches Nuklearprogramm aufgeben. Ebenso Südafrika, das bereits Atomwaffen hergestellt haben soll und diese zerstören ließ.

Außerhalb von Testgeländen haben bislang nur die USA Atomwaffen eingesetzt. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließ US-Präsident Harry S. Truman zwei Atombomben auf Japan abwerfen. Das erste Ziel war am 6. August 1945 Hiroshima. Die Uranbombe vernichtete 80 Prozent der Hafenstadt. Von den 300.000 Einwohnern starben 80.000 unmittelbar, weitere 100.000 später an den Folgen ihrer Verletzungen. Eine zweite Bombe mit Plutoniumfüllung warf ein Flugzeug drei Tage später über Nagasaki ab. 70.000 Menschen kamen durch die Explosion und die radioaktive Strahlung ums Leben. Am Tag darauf kapitulierte Japan bedingungslos.

Die Zahl der atomaren Sprengköpfe sinkt laut dem Center for Defense Information (CDI) weltweit kontinuierlich. Seit dem Ende des Kalten Krieges rüsten die USA und Russland weiter ab: 2002 schlossen beide Länder das SORT-Abkommen zum Abbau nuklearer Angriffswaffen. Demnach sollen sich die Arsenale bis 2012 auf jeweils 1700 bis 2200 Sprengköpfe reduzieren.

Das bleibt ein ehrgeiziges Ziel, denn noch sind die Arsenale in Amerika und Russland gefüllt. Die USA haben 5736 Sprengköpfe, Russland 7200, Frankreich 350, China bis zu 320, Großbritannien bis zu 200, Pakistan bis zu 70 und Indien mehr als 50 Atomsprengköpfe. Bei Israel gehen die amerikanischen Rüstungsexperten vom CDI von 100 bis 200 atomarer Gefechtsköpfe aus, Nordkorea soll bislang bis zu zwölf produziert haben.

Die offiziellen Atommächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China können die Atomwaffen von Unterseebooten und Kriegsschiffen abfeuern, sie als Bomben von Kampfflugzeugen abwerfen lassen oder per Gefechtskopf auf Lang- und Mittelstreckenraketen abfeuern. Israel verfügt über Jets, die Atombomben transportieren können, Nordkorea, Pakistan und Indien haben Trägerraketen entwickelt.

Deutschland hat nie selbst Atomwaffen produziert. Hier zu Lande lagern jedoch amerikanische Nuklearwaffen. Wie viele es sind, verraten weder die Bundesregierung noch das amerikanische Verteidigungsministerium. Das Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit geht von 10 bis 20 Sprengköpfen aus, die in Deutschland von der US-Armee gelagert werden. (ZEIT ONLINE)

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