Nuklearwaffen : Abrüsten bis Jahresende - und dann?

Bis Ende des Jahres will George W. Bush das Nuklearwaffenarsenal der USA stark reduzieren. Die Anzahl der Atomsprengköpfe soll auf ein Viertel des Nachkriegsbestandes gesenkt werden. Eine gute Nachricht?

Simone Bartsch
Bush
Bush verkauft es als gute Tat: Bis Jahresende soll stark abgerüstet werden. - Foto:AFP

BerlinPositiv ist: Bislang wurde das Thema Abrüstung von der US-Regierungsspitze weitgehend tabuisiert. Die 1970 im Atomwaffensperrvertrag festgehaltene Verpflichtung, bestehende Kernwaffen abzurüsten, widerstrebte der auf Abschreckung und Sicherheit fokussierten US-Führung. "Dass die USA sich neuerdings bewusst abrüstungsfreundlich geben, ist grundsätzlich positiv zu bewerten", kommentiert Harald Müller von der Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in Hessen. Generell sei die Abrüstung von Massenvernichtungswaffen zu begrüßen.

Reduzierung der Sprengköpfe generell vorgesehen

Die Schattenseite: Die Nachricht enthält an sich nichts Neues. Die US-Regierung ist vertraglich dazu verpflichtet, den US-Bestand an Nukleargefechtsköpfen bis 2012 auf eine Anzahl von 1700-2200 Stück zu reduzieren. Das 2003 mit Moskau geschlossene Abrüstungsabkommen SORT (Strategic Offensive Reductions Treaty) schreibt dieses Ziel fest. Aber auch die Vernichtungskraft der möglicherweise verbleibenden 1700 Nuklearsprengköpfe in den USA reicht problemlos aus, um den Planeten gleich mehrfach in die Luft zu jagen.

Unsummen für Wartung und Modernisierung

Zu berücksichtigen ist auch, dass es sich bei den angepeilten 1700-2200 Sprengköpfen um aktive Gefechtsköpfe handelt. "Tatsächlich wurde ein großer Teil der ehemals knapp 30.000 Nuklearsprengköpfe deaktiviert. Sie lassen sich aber teilweise auch wieder reaktivieren", gibt Müller zu bedenken. Letztlich ist also kaum bekannt, wie viele aktive und inaktive Sprengköpfe insgesamt in den USA existieren.

Sicher ist lediglich, dass Amerika Unsummen für die Wartung und Modernisierung seines Atomwaffenarsenals ausgibt. Laut eines Berichts des Internationalen Konversionszentrum Bonn belaufen sich die US-Militärausgaben jährlich auf knapp 480 Milliarden US-Dollar und machen somit 46 Prozent der Militärausgaben weltweit aus. Immerhin 800 Millionen geben die Amerikaner für die Pflege ihres Atomwaffenbestandes aus, berichtet die "Washington Post".

Totale Abrüstung kommt nicht in Frage

Mit voranschreitender Abrüstung könnte die US-Behörde für Nuklearsicherheit NNSA zwar Geld sparen, die Instanthaltung und Modernisierung werden dennoch weiterhin Unsummen verschlingen. Das wird sich auch langfristig nichts ändern, denn auf eine komplette Nuklearabrüstung wollen sich die USA nicht einlassen - die Regierung glaubt weiterhin an die Kraft der Abschreckung einer Atomwaffe auf potenzielle Angreifer. Die Sprecherin von Präsident Bush, Dana Perino, betonte, die verbleibenden Nuklearsprengköpfe seien "das niedrigste Niveau, um noch die nationale Sicherheit und Zusagen gegenüber Freunden und Alliierten zu gewährleisten".

Für die reine Abschreckungsfunktion würden jedoch auch weitaus weniger Kernwaffen ausreichen, vermuten Experten. "Ich halte es mit dem früheren US-Verteidigungsminister McNamara: 400 Atomsprengköpfe, also etwa die Anzahl, über die China heute verfügt, würden ausreichen", erklärt Müller. "Die Vernichtungskraft und vor allem auch die nachfolgende radioaktive Verseuchung wären trotzdem noch verheerend."

Unendliche Geschichte des Atomzeitalters

Die Problematik der atomaren Abrüstung treibt Politiker und Forscher bereits seit den frühen sechziger Jahren um und zählt für viele Wissenschaftler zu den größten Herausforderungen der modernen Staatenwelt. "Wenn ein Staat auch nur eine Kernwaffe besitzt, dient diese als permanenter Anreiz für andere Staaten, auch eine solche Waffe besitzen zu wollen", erklärt Müller. Je mehr Staaten über Atomwaffen verfügen, desto größer ist möglicherweise die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Nuklearkrieges.

Diese Furcht trieb schon die Kennedy-Regierung Anfang der sechziger Jahre um, als es lediglich fünf Nuklearmächte gab: die USA, Frankreich, Großbritannien, Russland und China. Die Angst vor einem vernichtenden Krieg führte 1970 immerhin zum Atomwaffensperrvertrag: Alle fünf Nuklearmächte sowie nachfolgend 189 weitere Staaten unterschrieben das Abkommen und willigten ein, eine Verbreitung von Atomwaffen künftig zu verhindern und den vorhandenen Atomwaffenbestand abzurüsten. Doch der Reiz, eine ultimative Vernichtungswaffe zu besitzen, macht dieses Vorhaben schwierig. Mittlerweile gibt es neun Atommächte, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea haben sich zu den fünf offiziellen Atomstaaten im Halbschatten legitimer Standards hinzugesellt. Die vier neuen Nuklearmächte stellen ein gewisses Risiko dar - sie haben den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet und sind somit an keinerlei Abmachungen gebunden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben