Politik : Nur der Reisepass fehlt noch

Montenegro bereitet sich auf die Unabhängigkeit vor – doch zunächst müssen die Bürger zustimmen

Enver Robelli[Zürich]

Die Weichen sind gestellt. Bis Ende Mai will die Regierung neue Reisepässe drucken lassen, die Landeshymne kann gratis aus dem Netz heruntergeladen werden, bald soll die Aufnahme in die Vereinten Nationen folgen. Die neue Flagge weht bereits seit zwei Jahren vor allen Institutionen der Republik. Ganz kleines Land, ganz viele Symbole: Montenegro, 670 000 Einwohner, mit 13 812 Quadratkilometer Fläche – immerhin größer als Zypern und Libanon – entscheidet an diesem Sonntag über die Zukunft. Ein Bündnis von Ministerpräsident Milo Djukanovic will die Adriarepublik in die Unabhängigkeit führen und die so genannte staatliche Gemeinschaft mit Serbien begraben.

Seit Jahren unterstützt eine hauchdünne Mehrheit der Montenegriner die Loslösung von Belgrad. Serbien hat acht Millionen Einwohner und ist fast sechsmal größer als Montenegro. „Wir müssen als selbstständiger Staat die Verantwortung für unsere europäische Zukunft übernehmen“, sagt Premier Djukanovic. Das Argument hat seit Anfang Mai noch mehr an Gewicht gewonnen: Weil Belgrad den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic nicht festgenommen hat, will die EU vorläufig nicht über die Integration des Staatenbundes Serbien und Montenegro mit sich reden lassen. „Wir können auf Serbien nicht warten“, lautet deshalb der Tenor der Unabhängigkeitsbefürworter in der Hauptstadt Podgorica.

Doch Brüssel betrachtet die Abspaltung Montenegros von Serbien skeptisch und hat ein unübliches Quorum durchgesetzt: Nur wenn 55 Prozent der Referendumsteilnehmer dafür sind, wird das Land selbstständig. Sollte das Ergebnis zwischen 50 und 55 Prozent liegen, drohen große Spannungen: Beide Lager werden sich als Gewinner sehen. Die Gesellschaft ist tief gespalten. Die meisten Anhänger des gemeinsamen Staates mit Serbien fühlen sich als ethnische Serben und stehen seit bald zehn Jahren in Opposition zu Milo Djukanovic.

Der mit allen Wassern gewaschene balkanische Potentat übernahm 1997 die Macht in Podgorica und verweigerte fortan Slobodan Milosevic die Gefolgschaft. Er genoss die Unterstützung von EU und USA, er war der Stachel im Fleisch des Belgrader Despoten, so einen brauchte man, um das Milosevic-Regime zu schwächen. Dass Djukanovic Montenegro in ein Schmugglerparadies für Zigaretten, Treibstoff und andere lukrative Waren verwandelte, darüber sahen die Europäer und Amerikaner lange hinweg  trotz Ermittlungen der italienischen und deutschen Justiz, die bis heute andauern.

Der drahtige Politiker erwies sich als gelehriger Schüler des Westens und setzte um, was von Brüssel und Washington gefordert wurde: Demokratisierung, Menschenrechte, Privatisierung, Medienfreiheit, Öffnung nach Europa. Während des Kosovo-Krieges nahm das Land fast 100 000 Flüchtlinge auf. Montenegro, das anerkennen auch die schärfsten Kritiker von Djukanovic, ist die einzige Republik der zerfallenen jugoslawischen Föderation, wo die Minderheiten nicht zu den Waffen griffen. Das Klima der Toleranz wird sich für Djukanovic möglicherweise auszahlen: Die Stimmen der bosniakischen (muslimischen) und der albanischen Minderheit könnten den Ausschlag geben für die Unabhängigkeit.

Diese stand schon 2002 auf der Tagesordnung. Doch auf Druck des EU-Chefdiplomaten Javier Solana musste Djukanovic die Volksabstimmung aufschieben und einen Staatenbund mit Serbien eingehen. Diese Union war von Anfang an ein gescheitertes Experiment: In Montenegro zahlt man mit dem Euro, in Serbien mit dem Dinar; es gibt drei Parlamente, die sich gegenseitig blockieren, die Bürokratie verschlingt Unsummen. Verteidigt wird der Staatenbund von konservativen und klerikalen Kreisen in Belgrad, allen voran Ministerpräsident Vojislav Kostunica. Denn mit der Unabhängigkeit der Zwergrepublik verliert Serbien nicht nur den Zugang zum Meer, sondern auch an Einfluss auf dem Balkan.

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