Politik : Nur die Russen trauern Von Christoph von Marschall

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Er war ein Popstar der Politik, der Mann mit dem Leberfleck auf der Halbglatze. Millionen wollten „Gorbi“, wie sie ihn liebevoll riefen, als Präsidenten aller Europäer sehen. Weltberühmt ist ein Zitat, auch wenn er es nie so gesagt hat: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Die überwältigende Mehrheit der (älteren) Deutschen ist überzeugt, dass sie ihm die Einheit verdanken – ja, den Frieden in Europa.

Michail Gorbatschow, der am 11. März vor 20 Jahren zum Generalsekretär der KPdSU aufstieg – der andere „mächtigste Mann“ der Erde neben dem USPräsidenten –, hat Geschichte geschrieben. Seine Schlagworte „Glasnost“ (Transparenz) und „Perestrojka“ (Umgestaltung) führte damals jeder im Munde. Sie wurden zum „Sesam, öffne Dich“ einer hinter den Kremlmauern erstarrten Diktatur alter Männer. Doch kaum einer redet heute noch von Gorbatschow, obwohl der quicklebendig ist. Schon gar nicht in Russland, wo er als Verräter gilt: der Kerl, mit dem das Unglück begann, der Niedergang der Weltmacht. Deshalb sehnen sie sich nach einem „starken Mann“ wie Wladimir Putin, der Gegner liquidieren lässt.

Wie sollen Millionen Jüngere, die heute unter 35 sind, das auch nachempfinden: Welche Hoffnungen Gorbatschow in den sechs kurzen Jahren seiner Macht weckte; dass viele in West wie Ost in ihm einen Helden, einen Erlöser sahen. Seine Ära scheint so weit weg wie eine museale graue Vorzeit. Berlin durch eine Mauer geteilt; mitten durch Deutschland, mitten durch Europa verlief der Eiserne Vorhang, dort wurde auf jeden geschossen, der aus dem großen Gefängnis, das der kommunistische Osten doch war, fliehen wollte. Mit bedrohlichen Atomwaffenarsenalen bewachten Warschauer Pakt und Nato den Status quo des Kalten Krieges.

Das alles ist Geschichte. Das Sowjetimperium ist zerfallen, die Rote Armee aus Mitteleuropa abgezogen. Balten, Polen, Tschechen, Ungarn, Ostdeutsche freuen sich an Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Will man das Verdienst daran nicht anonymen gesellschaftlichen Kräften zuschreiben, dann sind vor allem drei Namen zu nennen: Johannes Paul II, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, der 1990 den Friedensnobelpreis erhielt. Er hatte früh erkannt, dass die Sowjetunion den Systemwettbewerb mit Amerika nicht durchhalten konnte. In seinen Reden stellte er das Schicksal der Menschen über die Machtargumente. Er wagte es, die Zensur zu lockern, die selbstherrlichen Funktionäre unter Rechtfertigungsdruck zu stellen und aus Afghanistan abzuziehen. Nationale Befreiungsbewegungen wollte er nicht mehr blutig unterdrücken, ob in Georgien, der DDR oder im Baltikum; ganz verhindert hat er es nicht. Reagan erhöhte Amerikas Druck auf die Sowjets, auch durch die Nachrüstung, schaltete aber staatsmännisch klug auf Entspannung um, als Moskau sich bewegte. Der polnische Papst, 1978 gewählt, gab vielen Osteuropäern den Mut, aufzubegehren; Polens Gewerkschaft Solidarnosc bildete sich 1980, lange vor Gorbatschow.

Europa insgesamt ist heute freier, reicher, kooperativer als vor Gorbatschow. Die Russen aber können sich an ihrem Beitrag nicht freuen. Sie trauern dem Imperium nach, seinen Zerfall empfinden sie eher als Niederlage denn als Befreiung. Gorbatschow wollte die Sowjetunion nicht auflösen, er wollte das System effektiver machen. Doch konnte er die Kräfte, die er entfesselt hatte, nicht mehr kontrollieren. Die meisten Russen erleben den Systemwechsel nicht als Vorteil, das ist tragisch. Ihre Marktwirtschaft ist ein Raubtierkapitalismus, ihre Privatisierung führte zur kriminellen Bereicherung einiger weniger, ihr Rechtsstaat ist käuflich. Unter Putin wird Russland wieder diktatorischer, viele begrüßen die Rückkehr von „Ordnung“. Da protestiert auch niemand, wenn der Kreml unliebsame Medien schließt und den gemäßigten Tschetschenenführer Maschadow tötet, den einzigen glaubwürdigen Partner für eine politische Lösung. Das ist so, als hätte das Südafrika der Apartheid Mandela umgebracht oder Israel den moderaten Mahmud Abbas. So einen Fehler hätte Gorbatschow nie begangen.

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