Politik : Nur die Ziegen dürfen bleiben

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Madrid. Perejil gehört wieder den Ziegen. Denn nach der Einigung im Streit um die winzige Mittelmeer-Insel wird dort künftig weder die marokkanische noch die spanische Flagge wehen. An diesem Montag wollen die Außenminister beider Länder in Rabat zusammenkommen. Ursprünglich sollte das Treffen in Brüssel stattfinden, die Verlegung des Tagungsortes gilt als symbolische Geste. Die spanische Ministerin Ana Palacio und ihr Amtskollege Mohammed Benaissa wollen bei dem Treffen vor allem das Misstrauen nach dem Insel-Streit abbauen.

Sollte der Konflikt aber je in die Geschichtsbücher eingehen, dann wohl eher als absurdes Beispiel für das Versagen der Diplomatie. So sehen es zumindest jene Kommentatoren, die sich schon seit Tagen fragten: Wie konnte es bloß so weit kommen? Marokko muss sich vorhalten lassen, den Nachbarn im Norden auf äußerst unkluge Weise provoziert zu haben, Spanien wiederum sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, es habe in einem Anflug von ausuferndem Patriotismus übertrieben reagiert. Die zwei nur durch die Meerenge von Gibraltar getrennten Länder sind praktisch dazu verdammt, gute Nachbarn zu sein. Zu groß ist die geographische Nähe, zu wichtig sind die Handelsbeziehungen.

Dass der Kompromiss unter Vermittlung – oder auf Druck – der USA zu Stande kam, zeigt auch, wie sensibel diese Region im Konzert der globalen Politik ist. Die internationale Gemeinschaft und insbesondere Washington waren wohl kaum daran interessiert, nach dem 11. September eine ernstere Krise zwischen einem EU- und Nato-Mitglied und einem verlässlichen Partner des Westens in der arabischen Welt zuzulassen.

Wie groß die Empfindlichkeiten zwischen Rabat und Madrid sind, zeigte sich daran, dass sich der Konflikt an einem Felsen entzündete, den vorher nur Ziegenhirten, Haschisch-Schmuggler und Taucher kannten. Die Krise war der Höhepunkt einer Serie von Streitigkeiten, bei denen es um Fischereirechte, illegale Einwanderung, Gebietsansprüche und Ressentiments aus Kolonialzeiten ging. „Nun ist es aber an der Zeit, nach vorne zu schauen und den seit langem unterbrochenen Dialog wieder aufzunehmen“, forderte die Zeitung „El Mundo“ am Sonntag.

Warum hat Marokko die Insel überhaupt besetzt? Einen Anhaltspunkt hat Ministerpräsident Abderrahman Youssoufi gegeben. „Wir wollen die Öffentlichkeit über die legitimen Ansprüche auf Gebiete aufklären, die uns gehören.“ Damit meinte er nicht nur die umstrittene Insel, sondern auch die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, deren Souveränität sein Land seit jeher einfordert. Nach seinen Worten sind die UN und die EU über diesen alten Streit falsch informiert.

Aber auch Madrid geriet in die Kritik, weil es eine Armada von 1200 Mann mobilisierte, um die sechs marokkanischen Soldaten zu vertreiben – von einem Felsen, dessen Zugehörigkeit zu Spanien völkerrechtlich zweifelhaft ist. Die Regierung von Ministerpräsident José Maria Aznar hütete sich deshalb davor, die „Petersilien“-Insel als „spanisch“ zu bezeichnen und sprach lieber davon, zum alten „Status quo“ einer de-facto-Neutralität zurückzukehren. Auf Unverständnis stieß daher die Geste, auf dem Eiland umgehend die spanische Fahne zu hissen. Aber die Krise kam Madrid auch deshalb höchst ungelegen, weil Spanien nach 300 Jahren gerade dabei ist, sich mit London zumindest auf eine Teil-Rückgabe der britischen Kolonie Gibraltar zu einigen. Jörg Vogelsänger (dpa)

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