Politik : Nur ein Diener seines Herrn

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DER FDP–BUNDESPARTEITAG

Von Robert Birnbaum, Mannheim

„Anscheinend“, sagt Jürgen W. Möllemann mit todernstem Gesicht, „bin ich irgendwie der geborene Diener.“ Dann muss er aber doch selber grinsen. Unten im Saal schlagen sie vor Vergnügen auf die Tische. Möllemann bei Unterwerfungsgesten zuzuschauen, ist ja für einen FDP-Parteitag schon komisch genug. Die Unterwerfung aber derart frech zu inszenieren, das sichert dem ewigen Unruhegeist der Freidemokraten rauschenden Beifall. Möllemann kann sich beides leisten – die Unterwerfung und die Frechheit. Denn er hat Recht behalten.

Allüberall prangt die magische Zahl 18 im Mannheimer Kongresszentrum Rosengarten. Trotzdem – oder gerade deswegen – sieht die Mehrheit der FDP-Gewaltigen auch diesem Auftritt des Jürgen W. mit dem üblichen Bangen entgegen. Das Bangen ist still genährt worden dadurch, dass erst am Samstag früh amtlich feststeht, dass der Fieberkranke überhaupt kommt. Lautstark genährt worden ist es überdies durch Möllemanns jüngere Ausführungen in Sachen Naher Osten. Dass er angesichts der Gewaltspirale im Heiligen Land Verständnis für Leute bekundet hatte, die sich mit Gewalt wehren, trug ihm auf dem Parteitag in Abwesenheit deutliche Tadel ein. Am deutlichsten wurde sein alter Lieblingsfeind Wolfgang Gerhardt.

„Kein Widerstandsrecht der Welt legitimiert irgendjemanden, Menschen zu Selbstmördern zu machen und Menschen mit sich in den Tod zu reißen“, hat der Fraktionschef am gesagt. Jeder wusste, wem das galt.

Westerwelle antwortete mit einer „ganz persönlichen Bemerkung": Er unterstütze voll und ganz den Nahost-Antrag, den Gerhardt und Ex-Außenminister Kinkel verfasst hatten. Diese Unterwerfungsgeste hat für Westerwelle den Vorzug, dass er auf seine inkriminierte Bemerkung nicht mehr im Detail eingehen muss und auf den Problemfall Karsli praktisch auch nicht: Es werde eine „vernünftige“ Lösung geben. Die Neigung der NRW-FDP, den Ex-Grünen zum Parteifreund zu machen, ist nicht mehr sehr ausgeprägt. Am Mittwoch will der Ortsverband Recklinghausen entscheiden. Dass Möllemann ganz nebenbei jede Ambition aufgibt, einmal Außenminister zu werden, rundet den Rückzieher ab.

Der Rest der Möllemann-Rede aber ist – eine Möllemann-Rede. Dass er als Zuständiger für Innen- und Gesundheitspolitik auf dem Podium steht, hindert ihn keineswegs, seine Botschaft loszuwerden. „Wir setzen an zum Gipfelsturm“, lautet die, und dass die FDP „aus der Erfolgswelle Marke Westerwelle eine Dauerwelle“ machen müsse. Der Parteichef fährt sich mit der einen Hand durch den Schopf und wehrt mit der anderen ab.

Etwas anderes kann er nicht abwehren. „Die 18 ist die Zwischenstation auf dem Weg einer liberalen Partei auf Augenhöhe mit den anderen“, sagt Möllemann. „Dazu ist aus meiner Sicht morgen eine wichtige Entscheidung vonnöten.“ Im Saal wird es still. Versucht er, den Parteichef jetzt und hier auf den Titel des Kanzlerkandidaten festzulegen? Nein, so viel Frechheit ist nicht, im Gegenteil. Vor einem Jahr in Düsseldorf, „das muss ich ja zugeben“, habe man die K-Frage auch anders deuten können. Gelächter quittiert die Anspielung auf die vergangene Machtprobe. Eine Neuauflage gibt es nicht, im Gegenteil. Bei jeder Entscheidung würden ihn die Fürsten der Partei unterstützen, versichert Möllemann dem Parteichef. „Aber wenn Sie sagen, Sie marschieren los, um König zu werden, dann können Sie sicher sein, dass diese Fürsten losmarschieren werden.“ Westerwelle taxiert sehr aufmerksam den Beifall. Der Diener Möllemann auch. Nach dem 22. September wird er seinen Lohn einfordern. Egal welchen.

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