• Nur ein orthodoxer Grieche ist ein guter Grieche - Kirche wehrt sich gegen die Trennung vom Staat

Politik : Nur ein orthodoxer Grieche ist ein guter Grieche - Kirche wehrt sich gegen die Trennung vom Staat

Gerd Höhler

Noch nicht ganz einen Monat im Amt, rührt der neue griechische Justizminister Michalis Stathopoulos an ein Tabu, das seine Vorgänger jahrelang ängstlich umgingen: das Verhältnis von Staat und Kirche in Griechenland.

In einem Zeitungsinterview äußerte der parteilose Jurist, ein früherer Rektor der Athener Universität, politisch brisante Gedanken. Den Griechen solle freigestellt werden, ob sie von der bisher obligatorischen religiösen Formel bei der Eidesleistung Gebrauch machen wollen; nicht-religiöse Begräbniszeremonien müssten erlaubt werden, und auch den bislang vorgeschriebenen Eintrag der Religionszugehörigkeit auf den griechischen Personalausweisen sähe er gern abgeschafft. Die Orthodoxie als vorherrschende Religion genieße in Griechenland "übertriebenen staatlichen Schutz", meinte Stathopoulos.

Damit löste der Minister geradezu hysterische Reaktionen in Kreisen des orthodoxen Klerus aus. Als einen "hinterhältigen Angriff auf die Orthodoxie und den Hellenismus" geißelte der Bischof von Thessalien, Theoklitos, die Äußerungen des Ministers. Athens Erzbischof Christodoulos, der Oberhirte der Griechisch-Orthodoxen, drohte, das Volk werde über den Minister "das Urteil sprechen".

Auf den neuen Justizminister ist die Kirchenleitung ohnehin nicht gut zu sprechen. Der trat nämlich vor einiger Zeit in einem Kirchengerichtsverfahren als Entlastungszeuge für den Bischof Chrysostomos auf. Der Geistliche war angeklagt, weil er in einem Interview mit dem Erotik-Magazin Penthouse nach Meinung der Kirchenoberen den Eindruck erweckt hatte, er billige vorehelichen Sex.

Was die Popen nun in Rage bringt, ist vor allem der neuerliche Vorstoß des Justizministers zur Umgestaltung der Personalausweise. Dagegen sträubt sich der Klerus seit Jahren mit allen Mitteln. Der bisher vorgeschriebene Eintrag des Bekenntnisses soll offenkundig dazu dienen, Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften auszugrenzen. Denn nach dem Verständnis der Kirche sind Orthodoxie und Griechentum untrennbar miteinander verbunden. Nur ein orthodoxer Grieche ist ein guter Grieche.

Bisher hat es keine griechische Regierung gewagt, den Klerus in seine Schranken zu weisen und die überfällige Trennung von Staat und Kirche durchzusetzen. Auch jetzt beeilte sich Regierungssprecher Dimitris Reppas den Bischöfen zu versichern, der Justizminister habe in dem Zeitungsinterview lediglich seine private Meinung geäußert. An Gesetzesänderungen, die den Status der Staatskirche beträfen, denke die Regierung nicht.

Die Kirche ist in Griechenland allgegenwärtig, sie hat Macht und Einfluß. Die Popen segnen Panzer und Kanonen. Keine Grundsteinlegung, keine offizielle Feierlichkeit geht ohne religiöses Ritual ab. Staatspräsident, Regierungschef und die Minister legen ihren Amtseid nicht etwa vor dem Parlament ab, wie es demokratischer Tradition entspräche, sondern vor dem Athener Erzbischof.

Der seit zwei Jahren als Oberhirte amtierende Christodoulos meldet inzwischen auch ein Mitspracherecht des Klerus in der Außenpolitik an. Die Währungsunion ist ihm suspekt, weil damit den Griechen "Überfremdung" aus dem Westen drohe; die "Kapitulation vor den Direktiven aus Brüssel", so der 61-jährige Christodoulos, sei "Verrat an der Nation". Statt nach Westen blickt der "Führer aller Hellenen", wie er sich selbst bezeichnet, nach Osten und propagiert die Heimkehr der "entwurzelten Griechen" in die "unvergesslichen Heimaten" Kleinasiens. Dafür will Erzbischof Christodoulos "notfalls Blut vergießen und Opfer bringen".

Was die Personalausweise angeht, kämpfen die Gottesmänner allerdings auf verlorenem Posten. Denn der Eintrag des Bekenntnisses widerspricht klar dem griechischen Datenschutzgesetz Nummer 2472/1997. Den Mut, den gesetzwidrigen Eintrag zu streichen, hat die Athener Regierung aber bisher nicht aufgebracht.

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