Politik : Nur im Notfall

Warum Bush allenfalls eine Eingreiftruppe nach Liberia schickt

Wolfgang Drechsler

Wer in Monrovia nach den ersten zarten Zeichen eines Neuanfangs sucht, findet sie an einer der wochenlang umkämpften Brücken, die von Norden her in die liberianische Hauptstadt führen. Erstmals seit Kampfbeginn vor zwei Monaten haben einige Händler hier wieder Stände aufgebaut und ein paar alte Früchte ausgelegt. Und auch auf den Straßen tummeln sich zwei Tage nach der Abreise von Diktator Charles Taylor in sein nigerianisches Exil mehr Menschen als seit langem.

Gleichwohl wird immer deutlicher, dass Taylors Abgang eine notwendige, aber für sich noch nicht hinreichende Bedingung für einen dauerhaften Frieden ist. Wie angespannt die Lage bleibt, lassen die Gewehrsalven erahnen, die nach Angaben der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen noch immer vereinzelt zu hören sind. Während es nahe des Flughafens auch am Mittwoch wieder zu Scharmützeln zwischen Regierungssoldaten und der Rebellengruppe Model (Movement for Democracy in Liberia) kam, hielten sich die Verbände der größeren Rebellengruppe Lurd in Monrovia weitgehend zurück.

Dass die Lage verworren bleibt, liegt vor allem daran, dass Taylors Nachfolger Moses Blah von großen Teilen der Rebellen als eine Marionette Taylors betrachtet wird. Beide hatten Ende der 80er Jahre in Libyen eine militärische Ausbildung absolviert und 1990 in Liberia die Rebellion begonnen, die bis 1996 dauerte und schließlich in Taylors Wahlsieg 1997 gipfelte. Trotz dieser Vorbehalte soll Blah nach dem Willen der westafrikanischen Staaten jedoch bis Oktober im Amt bleiben. Danach soll eine Übergangsregierung die Amtsgeschäfte übernehmen. Der von allen Seiten gebilligte Friedensvertrag sieht vor, dass der Übergangspräsident eine Persönlichkeit aus dem Zivilleben sein soll, die weder aus dem Kreis der Rebellen noch der Regierung stammt.

Derweil sind die Soldaten der nigerianischen Eingreiftruppe mit der Sicherung von Korridoren für Hilfslieferungen beschäftigt. An diesem Donnerstag sollen die Soldaten endlich auch den Hafen von Monrovia übernehmen, dessen Übergabe die Rebellen fest zugesagt haben. Er wird dringend zur Versorgung der Einwohner mit Lebensmitteln und Medikamenten benötigt. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ teilte inzwischen mit, dass viele Zivilisten versuchten, in die von den Rebellen besetzten Stadtteile zu gelangen, weil Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente dort nach der Plünderung zahlreicher Lagerhallen im Hafen leichter erhältlich seien.

Beruhigend hat sich aber vor allem die Präsenz dreier amerikanischer Kriegsschiffe am Horizont vor der liberianischen Küste erwiesen. Sollte es zu Racheakten der Rebellen gegen Anhänger Taylors oder zu anderweitig motivierten Übergriffen kommen, könnten die 2300 Marineinfanteristen dem Pentagon zufolge jederzeit als schnelle Eingreiftruppe eingesetzt werden. Alle Bedingungen der Amerikaner für ihren Einsatz sind inzwischen erfüllt: Taylor hat das Land verlassen, es gibt – zumindest offiziell – einen Waffenstillstand und es befindet sich auch eine afrikanische Friedenstruppe im Land. Inzwischen argumentiert Washington jedoch, dass es keine Notwendigkeit für den Einsatz eigener Soldaten gebe, solange der Waffenstillstand halte und es afrikanischen Staaten erlaube, die vorgesehene Truppenstärke von 3000 Mann aufzubauen. Die Amerikaner befürchten offenbar, dass sie ohne eine Lösung der wichtigsten Streitfragen in Liberia in eine langfristige Mission hineingezogen und dadurch, wie 1993 in Somalia, zu Anschlagszielen werden könnten.

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