Politik : Nur kein Kommentar

Die arabische Welt reagiert verhalten auf den Friedensnobelpreis an Ebadi

Andrea Nüsse[Amman]

Interesse in der arabischen Welt gibt es für die Vergabe des Friedensnobelpreises an die iranische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Schirin Ebadi sehr wohl. Aber keine Begeisterungsstürme und auch keine offiziellen Reaktionen. So brachten die Zeitungen die Nachricht zwar auf Seite eins. Von der Pressekonferenz Ebadis in Paris berichteten sie ausführlich ihre Worte zum Irak und zum Palästina-Konflikt: Ebadi hatte die US-Besatzung des Irak kritisiert und den israelisch-palästinensischen Konflikt als ungleichen Kampf von „Steinen gegen Waffen“ bezeichnet. Der libanesische „Daily Star“ betonte, dass der Friedensnobelpreis erstmals an eine Muslimin vergeben worden sei. Ihr „universeller Humanismus“, den sie mit ihrer islamischen Religion vereinbare, sei das Besondere an der Preisträgerin und mache sie über Iran hinaus bedeutend.

Die teilweise eher zurückhaltenden Reaktionen in der arabischen Welt hängen wohl damit zusammen, dass Iran kein arabisches Land ist und der politische Kampf der iranischen Zivilgesellschaft und des Parlaments gegen Teile des religiösen Establishments als politische Besonderheit Irans gesehen wird.

In Iran wurde die Preisvergabe unterschiedlich bewertet. Die Reformerpresse jubelte und widmete dem Ereignis mehrere Seiten. Viele Reformer gratulierten Ebadi. In der Zeitung „Kayhan“ dagegen, die dem konservativen Flügel der Geistlichen nahe steht, wurde Ebadi verunglimpft. Allgemein wurde die Vergabe des Nobelpreises an die Aktivistin als Stärkung der Kräfte in Iran angesehen, die den konservativen Teilen der Führung ihre Vorrechte entreißen und das Land weiter demokratisieren wollen.

Allerdings wird das Ereignis nicht als Wendepunkt im Kampf zwischen Reformern und Konservativen gesehen. Beobachter glauben, dass die Ehrung der Reformbewegung zu spät kommt, um die Auseinandersetzung zugunsten der Zivilgesellschaft zu beeinflussen. Die Enttäuschung über Präsident Mohammed Chatami ist groß, weil er sich in keiner entscheidenden Frage gegen das religiöse Establishment, das nach wie vor die Justiz und den mächtigen Wächterrat beherrscht, durchsetzen konnte. So fürchten viele, dass bei den im Februar 2004 anstehenden Parlamentswahlen die Enttäuschung und Apathie zu einem Verlust der Parlamentsmehrheit für die Reformer führen könnte.

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