Politik : Nur keine Provokation

Frankreichs erster Schultag steht im Schatten der Entführungen im Irak – das Kopftuchverbot wirkt aber

Sabine Heimgärtner[Paris]

Zum ersten Mal „oben ohne“: Mit Beginn des neuen Schuljahres ist in Frankreich an diesem Donnerstag das landesweite Kopftuchverbot an staatlichen Schulen in Kraft getreten. Die meisten muslimischen Schülerinnen passierten die Schultore ohne den Schleier oder zogen es vor, das nicht verbotene Stirnband zu tragen, das die Haare nicht vollständig bedeckt. Nur in vereinzelten Fällen weigerten sich Schülerinnen, die Kopftücher abzunehmen. So tauchten in Calais im Norden Frankreichs acht Schülerinnen einer Klasse verschleiert auf; der Direktor entschied, den Unterricht abbrechen zu lassen. Das Bildungsministerium hielt sich nach den ersten Schulstunden allerdings bedeckt: Man müsse mindestens eine Woche warten, um eine erste Bilanz zu ziehen, hieß es.

Ursprünglich hatten sich die Schulbehörden auf einen heißen Schulanfang eingestellt, auch weil die Geiselnahme der beiden französischen Journalisten Georges Malbrunot und Christian Chesnot im Irak am Donnerstag noch andauerte. Im Nervenkrieg um die beiden Reporter zeigte sich der Chefredakteur der Zeitung „Le Figaro“, Jean de Belot, am Abend indes optimistisch. Die Geiselnehmer hätten die beiden Journalisten einer sunnitischen Oppositionsgruppe übergeben, sagte de Belot. Zuvor hatte der französische Außenminister Michel Barnier mitgeteilt, er habe Informationen erhalten, wonach Chesnot und Malbrunot am Leben seien.

Die Entführer der beiden Journalisten hatten die Rücknahme des Kopftuchverbots gefordert. Das Gesetz, das das Tragen auffälliger religiöser Symbole verbietet – darunter auch die jüdische Kippa, übergroße christliche Kreuze oder die bei den Sikhs üblichen Turbane – wurde am 15. März mit großer Mehrheit in der französischen Nationalversammlung verabschiedet. Den Entführern der Journalisten hatte die Regierung Frankreichs von Anfang an klar gemacht, sie lasse sich nicht erpressen. Im Land gilt eine strenge Trennung von Staat und Religion.

Verschleierte Schülerinnen fordern bei Demonstrationen – wie nahezu alle muslimischen Vereinigungen – die Freilassung der Geiseln. Viele aber wollen nicht auf ihre Kopfbedeckung verzichten und schon gar nicht mit den islamistischen Terroristen der Entführergruppe „Islamische Armee Iraks“ in Verbindung gebracht werden. Rashida, eine 17-jährige Gymnasiastin im Pariser Außenbezirk Bobigny, spricht aus, was die meisten ihrer muslimischen Mitschülerinnen denken: „Wir sind in einer bedauerlichen Lage, weil unsere Verschleierung von vielen Mitbürgern offenbar als Provokation, im schlimmsten Fall sogar als Zugehörigkeit zu einer Terroristengruppe interpretiert wird. Wir werden alle ’in einen Sack geworfen’“.

In Frankreichs Schulleitungen und Bildungsbehörden ist man sich noch keineswegs darüber im Klaren, wie das Kopftuch-Verbot überhaupt durchgesetzt werden soll. Verunsicherung herrscht aber auch bei den Lehrern. „Ich habe überhaupt keine Lust, mich für die Ermordung der beiden französischen Geiseln verantwortlich fühlen zu müssen, bloß weil ich eine verschleierte Schülerin vom Unterricht ausschließe“, erklärte beispielsweise Geneviève Piniaud, eine Pädagogin im Pariser Osten, der Zeitung „Le Parisien“. „Und ich bin sicher, dass es den meisten Kollegen genauso geht.“

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