Politik : Nur noch 40 Prozent für große Koalition

Forschungsgruppe Wahlen sieht großen Kompetenzverlust der Regierung / Linke gewinnt bei Arbeitern

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Berlin Auch wenn das Wahlergebnis in Berlin noch nicht endgültig feststeht, lassen sich bereits wesentliche Beweggründe für die Wahlentscheidung der Deutschen feststellen: Die Wähler haben Rot-Grün abgewählt, aber nicht für einen vollständigen Wechsel gestimmt. In der Woche vor der Wahl sprachen sich nur noch 52 Prozent dafür aus, dass andere Parteien im Bund an die Regierung kommen sollen, 43 Prozent waren dagegen.

Ausschlaggebend für die klaren Stimmenverluste der SPD ist vor allem die hohe Unzufriedenheit mit der Arbeit der Bundesregierung. Bei dieser Wahl wird die Arbeit der Bundesregierung auf einer Skala von plus fünf bis minus fünf mit minus 0,5 bewertet. Bei der Wahl 2002 erhielt die Regierung noch eine Bewertung von plus 0,5. Entsprechend deutlich wird auch die Neuauflage einer rot-grünen Regierung abgelehnt: Schlecht fänden dies 48 Prozent, nur 35 Prozent fänden ein solches Ergebnis gut, dem Rest wäre es egal.

Für den Wahlverlust der SPD waren auch die hohen Kompetenzeinbußen der Partei verantwortlich: Der Union war in zentralen Bereichen wie Wirtschaft und Schaffung von Arbeitsplätzen bereits 2002 mehr zugetraut worden als der SPD. Bei der Wahl vergrößerte sich der Abstand nochmals: So trauten 42 Prozent der Union mehr beim Thema Arbeitsplätze zu, nur 20 Prozent der SPD. Außerdem erwartet die Mehrheit der Wähler von der Union eher Lösungen für die Themen Finanzen und Renten.

Das gute Abschneiden der FDP und die daraus resultierenden Verluste für die Union basieren zu einem Großteil auf der Debatte um die große Koalition. Zum Schluss fanden nur noch 40 Prozent eine Koalition aus Union und SPD gut und 45 Prozent fanden sie schlecht, Anfang September wurde dies noch umgekehrt bewertet. Da wegen des erwarteten knappen Wahlausgangs eine große Koalition im Bereich des Denkbaren lag, entschieden sich viele Wähler aus dem bürgerlichen Lager für die FDP und im linken Lager – wenn auch in geringerem – Maße für die Grünen, um durch ihre Stimme eine große Koalition gegebenenfalls nicht zu unterstützen. So gaben 41 Prozent der FDP-Anhänger an, dass ihnen eigentlich die CDU/CSU doch besser gefällt als die FDP.

Bei der Bundestagswahl 2002 gelang es Gerhard Schröder vor allem aufgrund der großen persönlichen Wertschätzung auf den letzten Metern einen knappen Vorsprung für Rot-Grün zu sichern. Mit Angela Merkel als Kanzlerkandidatin ist es der Union gelungen, den Vorsprung von Schröder entscheidend zu reduzieren: Zwar wünschten sich in der Woche vor der Wahl 51 Prozent der Wahlberechtigten Schröder wieder in das Amt des Bundeskanzlers und nur 41 Prozent sprachen sich für die Unionskandidatin Angela Merkel aus. Jedoch spielten für die große Mehrheit der Wähler (73 Prozent) die regierenden Parteien nach der Bundestagswahl eine wichtigere Rolle als die Kandidaten selbst. Damit einher geht ein deutlicher Imageverlust Gerhard Schröders: Hatte er in der Bewertung der Kanzlerkandidaten vor drei Jahren noch einen Wert von 1,9 erreicht– sein damaliger Herausforderer Edmund Stoiber lag bei 0,4 –, so kam er jetzt nur noch auf einen Durchschnittswert von 1,0 und schneidet damit geringfügig besser ab als seine Kontrahentin Merkel, die 0,9 erzielt.

Auch im Kandidatenprofil konnte sich Schröder nicht allzu deutlich von Angela Merkel absetzen: Schröder wurde von den Wählern zwar als der Sympathischere angesehen, der den größeren Sachverstand hat und eher ein Siegertyp ist, der eher eine Regierung führen und deutsche Interessen besser durchsetzen kann. Doch Angela Merkel wurde als die etwas Glaubwürdigere mit der besseren Regierungsmannschaft wahrgenommen, die eher Arbeitsplätze schaffen und Probleme lösen kann.

Zwar scheidet die SPD bei Arbeitern (36 Prozent) und Arbeitslosen (33 Prozent) weiterhin vergleichsweise gut ab, sie hat aber hier mit minus sieben beziehungsweise minus acht Prozentpunkten ihre größten Verluste. Gerade in diesen Gruppen legt die Linkspartei/PDS überdurchschnittlich zu. Die CDU/CSU ist bei älteren Wählern erneut erfolgreicher als bei jüngeren Wählern. So kommt sie bei den über 60-Jährigen auf 45 Prozent, bei den unter 30-Jährigen liegt sie dagegen bei 31 Prozent.

Die Forschungsgruppe Wahlen hat diese Wähleranalyse auf der Basis einer telefonischen Umfrage unter 1600 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in ganz Deutschland in der Woche vor der Wahl sowie 24 620 Wählern am Wahltag erarbeitet.

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