NUR DIE EINBÜRGERUNG FEHLT NOCH : „Kein Tag ohne Zirkus“

Bertan Candelbek, 19, ist Artist und lebt in Berlin.
Bertan Candelbek, 19, ist Artist und lebt in Berlin.

Gerade habe ich ordentlich Zeitdruck: Nächsten Sonntag geht’s auf Tournee, und ich muss noch die letzten Dinge für meine Einbürgerung erledigen. Es sieht endlich so aus, als stünde dem nichts mehr im Wege. Ich habe alle Zeugnisse, die Geburtsurkunde und genügend Einkommensbescheinigungen, die belegen, dass ich mich selbst ernähre.

Ich bin das mittlere von fünf Geschwistern, drei Mädchen, zwei Jungen, in Berlin geboren, in Kreuzberg aufgewachsen. Zu meinem Beruf bin ich im Grunde mit acht Jahren gekommen. Meine ältere Schwester machte im Kinderzirkus Cabuwazi, damals auf der Wiener Straße, mit. Die zweite ging dort auch hin und sie zog mich mit. Ich habe gleich gemerkt, dass das etwas für mich war. Irgendwann gab es keinen Tag mehr ohne Zirkus, nach der Schule war ich sofort dabei. Ich habe dort praktisch meine Kindheit verbracht. Und als meine zweitälteste Schwester erfuhr, dass es eine staatliche Artistenschule in Berlin gibt und sie die Aufnahmeprüfung geschafft hatte, brachte sie mich auf die Idee, mich auch dort zu bewerben. Das schien mir damals wie der Jackpot: Aus meinem Kindheitstraum einen Beruf machen. Meine Schwester hat mich dann für die Aufnahmeprüfung trainiert, ich war damals akrobatisch nicht so doll drauf. An der Artistenschule habe ich auch den Mittleren Schulabschluss gemacht.

Jetzt ist das also mein Beruf, ich bin selbstständig und musste lernen, Einkommensteuererklärungen zu verfassen und Aufträge zu bekommen. Und auch mal krank auf der Bühne zu stehen. Aber schwer fällt mir das selten. Auf der Bühne ist es immer noch dasselbe Gefühl wie damals, als ich klein war. Gerade bin ich bei einer Varietékette unter Vertrag, demnächst bin ich in einer Gruppe von zehn Leuten sieben Monate lang unterwegs. Wir werden in Deutschland auftreten, aber auch einen Monat durch Holland touren. Darauf freue ich mich besonders.

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